 Ich würde diese Beschreibung gewiss nicht unternehmen, wenn mir nicht mein
Gewissen für die Wahrheit bürgte. -
    Madame M.... ist im Grunde genommen ein gutes Weibchen, die ihre Pflichten
als Gattin und Mutter genau erfüllt; nur fehlt es ihr an guten Grundsäzzen, um
aus Überlegung rechtschaffen zu handeln. - Rollen-Neid zeigt sie gar keinen,
aber desto mehr andere kleine Bosheiten, wodurch sie die übrigen
Schauspielerinnen ihre Direktrisen-Herrschaft fühlen lässt. Sie besizt vielen
natürlichen Wiz; aber ohne Kultur und Erziehung treibt sie ihn gar oft bis zur
Unbescheidenheit. Von ihrem Manne wird sie auf die grausamste Weise mishandelt,
und behauptet dann dabei eine Tugend, die so wenig Weibern eigen ist, wenn ihre
Männer im Zorn sind, sie kann - schweigen. -
    Madame K... s ist ein Fleischbrokken, der jedem zu Befehl steht. Ihre
abscheuliche Sinnlichkeit gränzt an die äußerste Verachtung, die ihr von den
Männern zu Teil wird, die sie kennen. - Ihre Eroberungssucht, Eitelkeit,
Eigennutz, u.s.w. fallen beim ersten Anblick dem Beobachter in die Augen. Ihr Mann
wird wie ein Bube von ihr behandelt; sie drohet ihm mit Schlägen, wenn er es
wagt über ihren Lebenswandel nur die geringste Anmerkung zu machen. - Da er
einer von jener Gattung zaghafter Schwachköpfe ist, so genießt sie bei ihrer
Buhlerei die ungestörteste Freiheit. - Ich habe doch in der Welt immer bemerkt,
dass die allerdümmsten Weiber allezeit die ausschweifendsten sind. - So viel von
diesem Charakter; und nun zur Madame L.... g. -
    Diesem Weibe würde man im Umgang ihre Ungeschiklichkeit in der
Schauspielkunst gar nicht anmerken. - Sie weis recht artig zu plaudern,
empfindet so gar zuweilen aus Büchern; aber alles verliert unendlich bei ihrer
schwäbischen Aussprache. - Auch Koketterie sizt tief in ihrem Herzen; wahre
Liebe ist ihr fremd, und bei allem dem ist sie auch die größte Puznärrin im
ganzen Orte. - Aus Eitelkeit wirft sie ihr Nezchen aus, so lang es angeht, aber
mit mehr kostbarer Ziererei und Verstellung, als eine ganz pöbelhafte Buhlerin.
-
    Madame J... hingegen entschädigt den Beobachter für die übrigen alle: sie
ist ein braves soliddenkendes Weib, deren Denkungsart untadelhaft und
rechtschaffen ist. - Sie teilt ihre Beschäftigung zwischen Religion und
Berufspflicht, und lebt in der glücklichsten, zufriedensten Ehe. - Eine Menge
ausgestandener Theater-Schiksale entzogen ihr jene Glüksgüter, die sie ihres
Talents und Fleißes wegen so sehr verdient hätte. - Unglück hat das gute Weib
sanft und weise gemacht; sie fodert wenig vom Schiksale, und genießt das Wenige
mit reinem, vorwurfsfreiem Gewissen. Wie sehr verdient diese Edle alles
Erdenglück! -
    Die
