, ihr Betragen ist
lebhaft, aber mit einer heimlichen Schwermut durchwebt; ihr Gesicht trägt die
Spuren der Redlichkeit. Nur Schade, dass ich die Liebenswürdige so bald verlassen
musste, die sich aus wahrer Sympatie meinem Herzen näherte. Seiter hat sie mir
schon einmal geschrieben, und mit einer Wärme, die ganz ihrem edelen Herzen eigen
ist. -
    So viel von dieser Geschichte. - Nun endlich auch einmal zur Beantwortung
deines leztern Briefes.
    Wie vortrefflich, meine Teure, ist dein Entwurf; und wie vielen moralischen
Nuzzen könnte es bei den jezzigen so zügellosen Theater-Sitten schaffen, wenn er
ausgeführt würde! - Es wundert mich sehr, dass noch kein Moralist auf diesen
Gedanken geriet; dass man die Reinigung der Bühnen so lange anstehen ließ, bis
ihre moralischen Sitten schon fast bis in Grund verdorben sind; wo Jeder dabei
treiben kann, was seinem Laster gelüstet; wo man ungeahndete Freiheit genießt,
sich in jeder Weichlichkeit herumzuwälzen; wo sich die wenigsten Polizeien um
die Aufführung des Schauspielers kümmern; wo die meisten Direktoren bloß
Pflanzschulen der schändlichsten Ausschweifungen unterhalten; wo Religion, Ehre
und Redlichkeit keinen Wohnsiz haben. - Und solche Bühnen werden nicht
untersucht; es werden ihnen keine Schranken gesezt? -
    Kaum ist es begreiflich; da doch schon so viele würdige Schriftsteller
darüber jammerten und all ihr Gefühl anstrengten, um den Staat aufmerksam darauf
zu machen. - Nur einige Fürsten gaben in Rüksicht dessen kluge Gesezze heraus,
und ließ sie in öffentlichen Blättern einrükken, um sie überall bekannt zu
machen und um Nachahmer zu finden. - Möchten diese edelen Absichten von mehreren
genehmiget werden! - - Möchten Minister und Polizei-Räte von keinem
Privat-Interesse verleitet werden, ausschweifende Schauspielerinnen zu schonen,
und es nicht ferner verhindern, dass die Stimme der bessern Einrichtung so selten
bis zum Ohr des Herrschers dringen kann. - So denkt
    
                                                                   Deine Amalie.
 
                                  CXXVI. Brief
                                    An Fanny
                           Liebe Herzens-Freundin! -
Heute muss ich Dir wieder einmal deinen Willen erfüllen, und Dir etwas mehreres
von den guten Einrichtungen unsers wakkern Seipps schreiben. - Bedenke nur
einmal diesen Hauptpunkt, der durch seine Klugheit unter uns Weibern so herrlich
Statt findet: - Seine eigene Frau spielt neben mir erste Rollen; und doch setzte
es unter uns noch nicht den geringsten Streit ab. -
    Der unparteiische Mann weis für uns beide die Rollen so gut einzuteilen,
dass auch selbst die ehrgeizigste Schauspielerin nichts dagegen einzuwenden
wüsste. - Madame Seipp spielt unschuldige, naive, leidende junge Mädchen
allerliebst! - Ihr niedlicher kleiner Wuchs, ihr natürliches Gefühl, ihr Fleiß,
ihre durch Lektur erhaltene Kenntnisse machen sie zur guten Schauspielerin. -
Hätte sie das Glük eine stärkere Brust zu haben, sie würde sich auch in
heftigen, affektvollen Rollen
