 und im Schutt der verwüsteten Gebäude begraben
wurden. Nach langen Jahrhunderten grässlicher Nacht, die in diesen Gegenden die
Menschheit benebelte, hat man, wie nach Gold- und Silberminen, die Wünschelrute
wieder auf sie angelegt. Die Kleinodien aber sind fast alle gleich zu Anfange
weggeführt worden, in Schiffbrüchen und auf ihrem ursprünglichen Boden in
Griechenland selbst in mancherlei Zerstörungen verschwunden. Und doch haben wir
daran genug, um wenigstens den Geschmack zu bekommen, wie an etlichen, obgleich
nicht den besten, Flaschen Rest Lacrimae Christi und andrer köstlichen Getränke
von in Erdbeben untergegangnen Weinlagern.
    Die Sache hat folgende Bewandtnis:
    Die alte Kunst teilte sich in besondere Klassen von Schönheiten, und die
großen Meister beeiferten sich, das Ideal von jeder vollkommen darzustellen.
Wenn nun einmal das Höchste da war, so blieb den andern nichts übrig, als ein
ähnliches nachzumachen, wenn sie in dieser Klasse arbeiten sollten. Man kann
sagen: Phidias hat das Problem vom Jupiter aufgelöst, und sein Bild davon genoss
allgemeine Verehrung an dem berühmtesten Schauplatz. So ging es mit der Venus
des Praxiteles und Apelles, den berühmten Apollen, Merkuren, Junonen, Minerven,
Amazonen; die andern mussten ihren Weg einschlagen oder wurden nicht verstanden
oder geachtet, wenn sie dieselben nicht übertrafen. Ein guter Kopf schaut auch
durch schwache Nachahmungen der ersten erhabenen Männer Gefühl für Form und
eigentümliche Schönheit jedes Ganzen.
    Der Torso, der Farnesische Herkules, der (Borghesische) Fechter sind zum
Beispiel gewiss hohe Meisterstücke; doch finden wir die Namen ihrer sich
nennenden Arbeiter bei den Alten nicht aufgezeichnet. Warum? Sie waren bloß
Nachahmer des schon Erfundnen und brachten nichts Neues hervor, um besondere
Aufmerksamkeit zu erregen. Und so können wir noch in Rom den Geist des Phidias,
Polyklet und Praxiteles schauen, ohne etwas von ihnen selbst zu haben. Freilich
würde für den innigen Wollustsinn noch ein großer Unterschied bei ihren
Originalen sein.
    Die vier Statuen vom ersten Range der alten Kunst im Belvedere, und, nebst
wenigen andern, auf dem ganzen Erdboden, sind der Apollo, der Torso, der Laokoon
und sogenannte Antinous; nachdem der letztern doch einmal der ehrenrührige Name
von blinden Antiquaren aufgehängt ist. Man hat dieselben in Versen und Prosa bis
zum Ekel beschrieben, ihre Gipsabgüsse wie Apostel zu Türken und Heiden
versandt, jeder neue Ankömmling trägt Anmerkungen darüber in sein Tagebuch ein:
und bei allen Predigern auf den Dächern sind wir schlimmer geworden; kein
Leonardo da Vinci, kein Michelangelo, kein Raffael ist mehr aufgestanden.
Anstatt das Licht zum Wegweiser zu wählen, hat man sich die Augen daran
verblendet.
    Das größte Aufsehen hat der Laokoon gemacht, weil Plinius noch mitten unter
allen den höchsten Meisterstücken der Kunst davon meldet, er sei ein Werk, allen
andern der
