 Literatur, den Dante, Petrarca und Boccaccio. Von
dem letztern behauptete sie, dass er am mehrsten Mensch und der Klügste und,
gegen die gewöhnliche Meinung, am mehrsten Dichter gewesen wäre. Aus seinen
Novellen allein leuchte unendlich mehr Erfindungsgeist hervor als in den Werken
der beiden andern, und dies bestimme doch hauptsächlich den Rang der Dichter.
Vers und Reim sei nur Verzierung, wie Licht und Schatten bei der Malerei, und
nicht das Wesentliche. Und auch in Charakter und Sprache dürfe man ihn den guten
Klassikern an die Seite setzen.
    Ich wandt ihr dagegen verschiednes ein und scherzte über ihre Verteidigung
dieses gefährlichen weiblichen Moralisten. Sie zog sich mit unbeschreiblicher
Anmut und leichtem Witz aus der Schlinge und beschloss, er habe die Sitten seiner
Zeit geschildert, und es gehöre zur Vollkommenheit von Held und Heldin, alle
Wege und Abwege eines Landes zu kennen; und es habe noch niemand zum Vorwurf
gereicht, durch andrer Schaden klug zu werden. »Ich betrachte die Komödie des
Dante«, fügte sie ernstaft hinzu, »eigentlich nur als eine Satire über seine
Feinde. Übrigens war er ein Mann wie ein Fels, welches auch seine Gestalt zeigt,
voll hohen Ehrgeizes. Der letztere hat ihn vermutlich zu seiner unverständlichen
Theologie und Philosophie verleitet; er wollte über die berühmtesten Personen
seines Zeitalters hervorragen. Wenn er Kraft genug gehabt hätte, die Modemänner
zu verachten, und einen bessern Plan zu seinem Gedichte wählte als ein so
gotisches Gewirr, so wär er vielleicht eine neue Art Homer für uns. Er hat
Stärke, Feuer, tiefes Gefühl, Einbildung und männliche Würde. Die Schicksale
nach seiner Verbannung ließ ihm nicht Ruhe und Heiterkeit genug.
    Petrarca geht zuviel in der Luft; doch entzückt nicht selten lauter und rein
sein himmlischer Geist, in guter Gesellschaft gebildet. Allein Boccaccio hat am
mehrsten Natur und war am mehrsten unter seinen Menschen: und hat deswegen auch
am mehrsten gewirkt. Was an ihm zu tadeln ist, muss man billig auf Rechnung
seines Zeitalters setzen.«
    Ich würde einen Mann wegen dieser Urteile nicht bewundert haben; aber sie
bezauberten mich von so schönen Lippen aus zwei Perlenreihen Zähnen hervor. Was
für innrer Gehalt gehörte nicht dazu, dieselben in Beisein eines Kardinals
auszusprechen!
    Es ist ein Glück für mich, dass ich sie so fand; mit ihr hätt ich die Torheit
begehen können, zu heiraten und alle meine brennenden Begierden und Hoffnungen
in ihrer Liebe dämpfen zu wollen. Bei den Grundsätzen, die sie wenigstens
auszudenken imstande war, wenn sie dieselben auch nicht ausüben sollte, würde
mir dieses eine erspriessliche Ehe geworden sein! Inzwischen ist wieder wahr: mit
Verstand kann man alles anfangen; sie würd es schon so gemacht haben, dass auf
beiden Seiten nichts Böses erfolgt wäre
