 unter allen Künsten allein Musik und
Poesie: neigt euch, ihr andern Schwestern, vor diesen Musen.«
    Ich sah wohl, mit was für einem Feind ich's hier zu tun hatte; ein
Federmesserstich von ihm verwundete tödlicher als der Schlag von einer Keule;
doch wollt ich ihn erst ganz herauslocken und bat: er möchte die Grenzen jeder
Kunst näher bestimmen, und insbesondere von Bildhauerei und Malerei, und alsdenn
uns seine Begriffe von der Schönheit entdecken. Und freute mich unaussprechlich,
einen solchen Meister so unvermutet plötzlich anzutreffen. Er wollte abbrechen:
allein wir ließ ihn nicht. Ich setzte mich ihm gegenüber, und wir stutzten die
Gläser an, die von dem besten Monte Giove schäumten.
    »Die Bildhauerei ist eigentlich für einzelne Figuren«, fing er vom neuen an;
»die Malerei hat die Not emporgebracht, mehrere vorzustellen. Sie hat dies den
Siegen der Griechen zu verdanken, besonders nach der Schlacht bei Maraton. Der
Bruder des Phidias, Panäos, malte dieselbe, da dieser selbst sie in Stein nicht
vorstellen konnte, weil kleine Figuren darin nicht wirken und die Materie fürs
Weitläuftige zu unbehülflich ist.
    Es ist wohl keine Frage, welche von beiden Künsten die Formen des Menschen
besser darstellen kann. Die Malerei ist eine beständige Lüge und ihre
Erhabenheit und Tiefe erkünstelt. Wir lassen uns täuschen, weil völlige Wahrheit
und Wirklichkeit wie bei Bildhauerei unmöglich ist, und geben uns zu unserm
eignen Vergnügen alle Mühe, die Köpfe und überhaupt das Nackende zum Beispiel
vom Tizian rund und hervorgehend und die Fernen und Mittelgründe seiner
Landschaften im gehörigen Abstand zu sehen. Ihre eigentlichen Gegenstände sind,
wo die Farbe, leichte Bewegung und zarter Stoff einen vorzüglichen Teil
ausmacht. Die Neuheit hauptsächlich und dann die überwundne Schwierigkeit
machten sie unter dem Zeuxis und Apelles so reizend; und gewiss ist's, dass die
Farbe viel zur Täuschung, im ganzen genommen, beiträgt. Auf den ersten Blick
wirkt ein gemaltes Bild auch auf den Verständigen mehr als eine ebenso
vortreffliche Statue in ihrer Art; aber wenig Zeit und Besinnung macht die
Malerei dagegen ganz verschwinden. Unter tausend Gesichtern findet man ferner in
einem guten Klima nur äußerst wenige für den Marmor, aber weit mehrere für die
Farbe. Die Bildhauerkunst ist die echte Probe schöner Form und geht ins
Wesentlichre und das Erhabne: die Malerei gibt sich mit allem ab, wo sie nur ein
wenig Reiz findet.
    Die letztere muss sich also vor allem hüten, was schon die Bildhauerei
vollkommen darstellen kann; und beide müssen sich davor hüten, das Reich der
Poesie zu beschreiten: denn jede bleibt überwunden, sobald sich nur ein
gewöhnlich guter Meister der andern Kunst an den Kampf macht. Poesie enthält
sich der Formen und Farben; Bildhauerei enthält sich
