
dem, was man musikalisches Gehör nennt. Aber das Teoretische, was der Kantor
bei seinem Unterricht mit einfliessen ließ, war ihm desto willkommner, und er
machte dem Kantor durch seine Aufmerksamkeit viel Vergnügen.
    Reiser empfand nun wirkliche Liebe gegen den Kantor und machte allenthalben
sehr viel Rühmens von ihm, so wie dieser ihn wieder bei den Leuten lobte. - Da
fügte es sich einmal, dass Reiser dem Kantor für das gute Zeugnis dankte, das ihm
derselbe bei einem seiner Gönner gegeben hatte, und der Kantor erwiderte: Reiser
habe ihm ja auch ein gutes Zeugnis gegeben; denn es war ihm wieder zu Ohren
gekommen, wie gut Reiser allenthalben von ihm sprach.
    Die Freude dieses Augenblicks hätte Reiser um vieles in der Welt nicht
gegeben, so angenehm war es ihm, dass sein Lehrer es nun selber wusste, wie sehr
er ihn liebte. - Wer ihm das beim ersten Anblick gesagt hätte, dem würde er es
nicht geglaubt haben, dass der Kantor einmal so sehr sein Freund sein würde. Denn
der Konrektor war erstlich sein Mann; dessen lächelnde freundliche Miene und
glatte Stirne nahmen ihn ein, indes die finstere Miene des Kantors und seine
runzelvolle Stirn ihn zurückscheuchten. Ach, was für ein artiger freundlicher
Mann ist der Konrektor gegen den alten mürrischen Kantor! pflegte er im Anfang
oft zu sagen: aber bei der genauern Bekanntschaft wandte sich das Blatt gar bald
um.
    Reiser suchte sich auch auf alle Weise in der Achtung des Kantors immer
fester zu setzen. Dies ging so weit, dass er auf einem öffentlichen
Spazierplatze, wo der Kantor hinzukommen pflegte, mit einem aufgeschlagenen
Buche in der Hand auf und nieder ging, um die Blicke seines Lehrers auf sich zu
ziehen, der ihn nun für ein Muster des Fleißes halten sollte, weil er sogar beim
Spaziergehen studierte. - Ob nun Reiser gleich an dem Buche, das er las,
wirklich Vergnügen fand, so war doch das Vergnügen, von dem Kantor in dieser
Attitüde bemerkt zu werden, noch weit größer, und man sieht auch aus diesem
Zuge seinen Hang zur Eitelkeit. Es lag ihm mehr an dem Schein als an der Sache,
obgleich die Sache ihm auch nicht unwichtig war.
    Man hatte eine erstaunliche Meinung von seinem Fleiß und pflegte ihm immer
anzuraten, dass er seiner Gesundheit schonen sollte. Dies war ihm äußerst
schmeichelhaft, und er ließ die Leute bei dieser Meinung, obgleich sein Fleiß
lange nicht so groß war, wie er hätte sein können, wenn das Drückende seiner
Lage in Ansehung seiner Nahrung und Wohnung ihn nicht oft träge und missmütig
gemacht hätte.
    Denn die unwürdige Behandlung, der er zuweilen ausgesetzt war, benahm ihm
oft einen großen Teil der Achtung gegen sich selbst, welche schlechterdings zum
Fleiß
