 und des Morgens, wenn er aufwachte, die Ideen weit heller und
besser geordnet als den Abend vorher in seinem Gedächtnis wiederfand, gleichsam,
als ob die Seele während dem Schlafen fortgearbeitet und das, was sie einmal
angefangen, nun während der gänzlichen Ruhe des Körpers mit Musse vollendet
hätte.
    Alles, was Reiser dem Gedächtnis anvertraute, pflegte er auf die Weise
auswendig zu lernen.
    Er fing nun auch an, sich mit der Poesie zu beschäftigen, welches er schon
in seiner Kindheit getan hatte, wo denn seine Verse immer die schöne Natur, das
Landleben und dergleichen zum Gegenstand zu haben pflegten. Denn seine einsamen
Spaziergänge und der Anblick der grünen Wiesen, wenn er etwa einmal vor das Tor
kam, war wirklich das einzige, was ihn in seiner Lage in eine poetische
Begeisterung versetzen konnte.
    Als ein Knabe von zehn Jahren verfertigte er ein paar Strophen, die sich
anfingen:
In den schön beblümten Auen
Kann man Gottes Güte schauen, usw.
welche sein Vater in Musik setzte. Und das Gedicht, das er jetzt hervorbrachte,
war eine Einladung auf das Land, worin wenigstens die Worte nicht übel gewählt
waren. - Dies kleine Gedicht gab er dem jungen Marquard, durch welchen es in die
Hände des Pastor Marquard und des Direktors kam, die ihren Beifall darüber
bezeigten, so dass Reiser beinahe angefangen hätte, sich für einen Dichter zu
halten. Aber der Kantor benahm ihm fürs erste diesen Irrtum, indem er sein
Gedicht Zeile vor Zeile mit ihm durchging und ihn sowohl auf die Fehler gegen
das Metrum als auf den fehlerhaften Ausdruck und den Mangel des Zusammenhangs
der Gedanken aufmerksam machte.
    Diese scharfe Kritik des Kantors war für Reisern eine wahre Wohltat, die er
ihm nie genug verdanken kann. Der Beifall, den dies erste Produkt seiner Muse so
unverdienterweise erhielt, hätte ihm sonst vielleicht auf sein ganzes Leben
geschadet.
    Demohngeachtet wandelte ihm der furor poeticus noch manchmal an, und weil
ihn jetzt wirklich das Vergnügen, dem Studieren obzuliegen, am meisten
begeisterte, so wagte er sich an ein neues Gedicht zum Lobe der Wissenschaften,
welches sich komisch genug anhob:
An euch, ihr schönen Wissenschaften,
An euch soll meine Seele haften, usw.
Der Kantor lehrte auch lateinische Verse machen, trug die Regeln der Prosodie
vor, die er nachher auf Katonis disticha beim Skandieren derselben anwenden
ließ. Reiser fand hieran sehr großes Vergnügen, weil es ihm so gelehrt klang,
lateinische Verse skandieren zu können und zu wissen, warum die eine Silbe lang
und die andere kurz ausgesprochen werden musste; der Kantor schlug mit den Händen
den Takt beim Skandieren. Das anzusehen und mitmachen zu können, war ihm denn
eine wahre Seelenfreude. - Und als nun gar der Kantor zuletzt eine Anzahl
