
ihm verschwand und Traum und Wahn ihm lieber war als Ordnung, Licht und
Wahrheit.
    Und alle diese Erscheinungen gründeten sich gewissermaßen wieder in dem
Idealismus, wozu er sich schon natürlich neigte und worin er durch die
philosophischen Systeme, die er in Hannover studierte, sich noch mehr bestärkt
fand. Und auf diesem bodenlosen Ufer fand er nun keinen Platz, wo sein Fuß ruhen
konnte. Angstvolles Streben und Unruhe verfolgten ihn auf jedem Schritte.
    Dies war es, was ihn aus der Gesellschaft der Menschen auf Böden und
Dachkammern trieb, wo er oft in phantastischen Träumen noch seine vergnügtesten
Stunden zubrachte, und dies war es, was ihm zugleich für das Romantische und
Teatralische den unwiderstehlichen Trieb einflößte.
    Durch seinen gegenwärtigen innern und äußern Zustand war er nun wiederum
ganz und gar in der idealischen Welt verloren, was Wunder also, dass bei der
ersten Veranlassung seine alte Leidenschaft wieder Feuer fing und er wiederum
seine Gedanken auf das Theater heftete, welches bei ihm nicht sowohl
Kunstbedürfnis als Lebensbedürfnis war.
    Diese Veranlassung ereignete sich sehr bald, da die Speichsche
Schauspielertruppe nach Erfurt kam und Erlaubnis erhielt, auf dem Ballhause zu
spielen, wo auch die Studenten ihre Komödien aufgeführt hatten.
    Reiser war hier schon einmal bekannt und hatte sogar einen gewissen Ruf
wegen seiner Schauspielertalente erhalten, wodurch er dem Prinzipal dieser
kleinen Truppe sogleich bekannt wurde, der ihn engagieren wollte, sobald er Lust
hätte, Schauspieler zu werden.
    Diese Versuchung, dass ihm das, wonach er mit allen Mühseligkeiten des
Lebens kämpfend vergeblich gestrebt hatte, nun auf einmal wie von selbst sich
anbot, war für Reisern zu stark. Er setzte jede Rücksicht aus den Augen und
lebte und webte nur in der Teaterwelt, für die er nun wieder wie in Hannover
bis auf den Komödienzettel entusiastische Verehrung hegte und die Mitglieder
bis auf den Souffleur und Rollenschreiber mit einer Art von Neid betrachtete.
    Einer, namens Beil, der sich damals unter dieser Truppe befand und nachher
ein berühmter Schauspieler geworden ist, zog am meisten seine Neugier auf sich.
Er zeichnete sich unter den Mitgliedern dieser Truppe am vorzüglichsten aus, und
Reiser wünschte nichts sehnlicher, als seine Bekanntschaft zu machen, welches
ihm auch nicht schwer wurde; er diesem Beil seinen Wunsch, der ihn denn auch in
seinem Entschluss, sich dem Theater zu widmen, bestärkte und an welchem Reiser
nun zugleich einen Freund zu finden hoffte.
    Er setzte nun jede Rücksicht beiseite, suchte den Gedanken an den Doktor
Froriep und an seinen Freund Neries so viel wie möglich vor sich selber zu
verbergen und engagierte sich, ohne jemanden etwas davon zu sagen, bei dem
Prinzipal der Truppe; er hatte den Mut und die Hoffnung, in der ersten Rolle
sich so zu zeigen, dass jedermann seinen Entschluss billigen würde.
