 Neries, aus
Hamburg gebürtig, der bei dem Doktor Froriep im Hause wohnte, welcher ihm eine
Abschrift von Reisers Gedichte das Kartäuserkloster gezeigt und dadurch dem
Verfasser auf einmal einen neuen Freund verschafft hatte.
    Dies wurde nun eine Freundschaft gerade von der empfindsamen Art, wogegen
Reiser eine Abhandlung zu schreiben im Begriff war.
    Der junge Neries hatte wirklich ein gefühlvolles Herz, er ließ sich aber
auch durch den Strom hinreißen und spielte bei jeder Gelegenheit den
Empfindsamen, ohne es selbst zu wissen; denn er eiferte sehr oft mit Reisern
gegen das Lächerliche einer affektierten Empfindsamkeit - weil er aber nicht
bloß vor andern empfindsam zu scheinen, sondern es für sich selber wirklich zu
sein suchte, so deuchte ihm das keine Affektation mehr, sondern er trieb dies
nun als eine ganz ernsthafte Sache, die keinen Spott auf sich leidet, und zog
Reisern allmählich mit in diesen Wirbel hinüber, der die Seele so lange
hinaufschraubt, bis sie in den abgeschmacktesten Zustand gerät, den man sich
denken kann.
    Reisern war es schon aufmunternd, dass ungeachtet seiner dürftigen Umstände
sich jemand an ihn schloss, dem es nicht an äußern Glücksgütern fehlte. - Nach
und nach aber bildete sich bei ihm eine ordentliche Liebe und Anhänglichkeit an
den jungen Neries, welche durch dessen wahre Freundschaft für Reisern immer
vermehrt wurde, so dass sie sich immer mehr auch in ihren Torheiten einander
näherten und von ihrer Melancholie und Empfindsamkeit sich wechselsweise
einander mitteilten.
    Dies geschahe nun vorzüglich auf ihren einsamen Spaziergängen, wo sie nur
gar zu oft zwischen sich und der Natur eine Szene veranstalteten, indem sie etwa
bei Sonnenuntergang die Jünger von Emmaus aus dem Klopstock lasen oder an einem
trüben Tage Zachariäs Schöpfung der Hölle usw.
    Vorzüglich lagerten sie sich oft am Abhange des Steigerwaldes, von welchem
man die Stadt Erfurt mit ihren alten Türmen und ihrem ganzen Umfange von Gärten
kann liegen sehen. Da hinauf gehen die Einwohner von Erfurt häufig spazieren,
machen sich auch wohl oben selbst ein kleines Feuer an und kochen sich den
Kaffee, um die patriarchalischen Ideen wieder zu erneuern.
    Hier saßen nun auch Neries und Reiser oft Stunden lang und lasen sich aus
irgendeinem Dichter wechselsweise vor; welches die meiste Zeit eine wahre Mühe
und Arbeit und ein peinlicher Zustand für sie war, den sie sich aber einander
nicht gestanden, um nur am Ende die Idee mit sich zu nehmen: Wir haben am
Steigerwalde freundschaftlich beieinander gesessen, haben von da in das
anmutsvolle Tal hinuntergeblickt und dabei unsern Geist mit einem schönen Werke
der Dichtkunst genährt.
    Wenn man erwägt, wie viele kleine Umstände sich ereignen müssen, um das
Stillsitzen und Lesen unter freiem Himmel angenehm zu machen, so kann man sich
denken, mit wie vielen kleinen Unannehmlichkeiten Neries und Reiser bei diesen
empfindsamen Szenen kämpfen mussten:
