 man allerdings von den
Anlagen dieses jungen Menschen sich viel versprochen hätte. Und dies war für den
Doktor Froriep genug, um das Nachteilige, was dies Zeugnis enthielt, mit
Schonung und Nachsicht zu betrachten und sich nun Reisers mit verdoppeltem Eifer
anzunehmen, um ihm womöglich auch die Gnade des Prinzen wieder zu verschaffen.
    Das Zeugnis selbst aber war auch schonend und nachsichtsvoll abgefasst,
ausgenommen einen Punkt, wo man Reisern wegen seiner nächtlichen Spaziergänge im
Verdacht der Liederlichkeit gehabt hatte und ihn also gerade einer Sache
beschuldigte, wovon er am weitesten entfernt war, weil er schon durch das
Drückende seines Zustandes, durch seine Selbstverachtung und selbst durch seine
Schwärmereien davon abgehalten wurde.
    Dann war sein Hang zum Theater dasjenige, worauf man nicht ohne Grund seine
übrigen Unregelmässigkeiten schob und wodurch damals so viele junge Leute auf der
Schule in Hannover waren hingerissen worden. -
    Und gerade indem nun dieser Brief ankam, war Reiser schon wieder im Begriff,
mit den Studenten in Erfurt Komödie zu spielen. - Der Doktor Froriep widerriet
es ihm zwar; da er aber sah, wie sehr sein Herz daran hing, sah er ihm auch
noch diese Torheit nach und entzog ihm darüber nichts von seiner Gunst.
    Die Vorbereitungen zu der Komödie wurden nun gemacht; Reiser lernte die
Rolle der Klelie auswendig, und nun wurden häufige Proben gehalten, wodurch
Reiser mit dem größten Teil der Studenten in Erfurt bekannt wurde, die sich alle
gegen ihn sehr höflich betrugen und alle eine vorteilhafte Meinung von ihm
hegten, wodurch er sich in eine Welt versetzt fand, die von derjenigen ganz
verschieden war, worin er von Kindheit auf gelebt hatte.
    Zwischen diesen Komödienproben versäumte nun Reiser nicht, des Doktor
Frorieps Predigerkollegium fleißig zu besuchen. Dies bestand aus einer Anzahl
Studenten, die sich in der Kaufmannskirche in Gegenwart des Doktor Froriep und
der übrigen Studenten bei verschlossnen Türen im Predigen übten.
    Hier wünschte nun Reiser ebenfalls auftreten zu können, um seine Deklamation
hier hören zu lassen, und es war ihm immer eine der reizendsten Aussichten, wenn
der Doktor Froriep ihm einmal verstatten würde, hier die Kanzel zu besteigen.
Auch hatte er sich schon ein Thema ausgedacht, worin er die Schönheiten der
Natur, den Wechsel der Jahreszeiten mit poetischen Farben schildern und mit den
glänzenden und schimmernden Aussichten in die Ewigkeit auf eine patetische
Weise seine Predigt beschließen wollte. Allein es kamen immer Hindernisse
dazwischen, dass ihm dieser Wunsch in Erfurt nicht gewährt wurde.
    So wie man nun an allem zweifelt, was man heftig wünscht, so zweifelte er
auch immer, ob die wirkliche Aufführung der Komödie zustande kommen und er seine
Rolle darin behalten würde. Dieser Wunsch wurde ihm dann gewährt. Er wurde mit
aller Sorgfalt als Klelie geschmückt. Die Lichter wurden angezündet, der Vorhang
