 er verdoppelte seine Schritte, je näher er dem Tore kam. - Es war
ihm, als ob das Grab noch einmal hinter ihm seinen Schlund eröffnete. - Da er
aber nun die Stadt mit ihren grünbepflanzten Wällen im Rücken hatte und die
Häuser, wie er zurückblickte, sich immer dichter zusammendrängten, so wurde ihm
leichter und immer leichter, bis endlich die vier Türme, welche den bisherigen
Schauplatz aller seiner Kränkungen und Bekümmernisse bezeichneten, ihm aus dem
Gesichte schwanden. -
 
                                  Vierter Teil
                                     Vorrede
                                     (1790)
Dieser vierte Teil von Anton Reisers Lebensgeschichte handelt so wie die vorigen
eigentlich die wichtige Frage ab, inwiefern ein junger Mensch sich selber seinen
Beruf zu wählen imstande sei.
    Er enthält eine getreue Darstellung von den mancherlei Arten von
Selbsttäuschungen, wozu ein missverstandener Trieb zur Poesie und Schauspielkunst
den Unerfahrnen verleitet hat.
    Dieser Teil enthält auch einige vielleicht nicht unnütze und nicht
unbedeutende Winke für Lehrer und Erzieher sowohl als für junge Leute, die
ernstaft genug sind, um sich selbst zu prüfen, durch welche Merkzeichen
vorzüglich der falsche Kunsttrieb von dem wahren sich unterscheidet.
    Man sieht aus dieser Geschichte, dass ein missverstandener Kunsttrieb, der
bloß die Neigung ohne den Beruf voraussetzt, ebenso mächtig werden und eben die
Erscheinungen hervorbringen kann, welche bei dem wirklichen Kunstgenie sich
äußern, welches auch das Äußerste erduldet und alles aufopfert, um nur seinen
Endzweck zu erreichen.
    Aus den vorigen Teilen dieser Geschichte erhellet deutlich: dass Reisers
unwiderstehliche Leidenschaft für das Theater eigentlich ein Resultat seines
Lebens und seiner Schicksale war, wodurch er von Kindheit auf aus der wirklichen
Welt verdrängt wurde und, da ihm diese einmal auf das bitterste verleidet war,
mehr in Phantasien als in der Wirklichkeit lebte - das Theater als die
eigentliche Phantasiewelt sollte ihm also ein Zufluchtsort gegen alle diese
Widerwärtigkeiten und Bedrückungen sein. - Hier allein glaubte er freier zu
atmen und sich gleichsam in seinem Elemente zu befinden.
    Und doch hatte er hiebei ein gewisses Gefühl von den reellen Dingen in der
Welt, die ihn umgaben, und worauf er auch ungern ganz Verzicht tun wollte, da er
doch einmal so gut wie die andern Menschen Leben und Dasein fühlte.
    Dies machte, dass er mit sich selbst im immerwährenden Kampfe war. Er dachte
nicht leichtsinnig genug, um ganz den Eingebungen seiner Phantasie zu folgen und
dabei mit sich selber zufrieden zu sein; und wiederum hatte er nicht Festigkeit
genug, um irgendeinen reellen Plan, der sich mit seiner schwärmerischen
Vorstellungsart durchkreuzte, standhaft zu verfolgen.
    Eigentlich kämpften in ihm so wie in tausend Seelen die Wahrheit mit dem
Blendwerk, der Traum mit der Wirklichkeit, und es blieb unentschieden, welches
von beiden obsiegen würde, woraus sich die sonderbaren Seelenzustände, in die er
geriet, zur Genüge erklären lassen.
    Widerspruch von
