 sich vor dem Witze desselben, dem er sich nicht gewachsen fühlte,
wenn er einmal auf ihn sollte gerichtet werden. Indes fügte sich ihre
Bekanntschaft von selber, indem Philipp Reiser auf Anton Reisers stilles und in
sich gekehrtes Wesen ebenso wie dieser auf das lebhafte Wesen von jenem immer
aufmerksamer wurde und sie sich ungeachtet dieser Verschiedenheit ihrer
Charaktere bald unter der Menge herausfanden und Freunde wurden.
    Dieser Philipp Reiser war gewiss ein vortrefflicher Kopf, der aber auch durch
die Umstände, worin ihn das Schicksal versetzt hat, unterdrückt worden ist. -
Nebst einer feinen Empfindung besaß er viel Witz und Laune, wirkliches
musikalisches Talent und war zugleich ein vorzüglicher mechanischer Kopf - aber
er war arm und dabei im höchsten Grade stolz - ehe er Wohltaten angenommen
hätte, würde er Hunger gelitten haben, welches er auch wirklich öfters tat. -
Hatte er aber Geld, so war er freigebig und gastfrei wie ein König, - dann
schmeckte ihm wohl, was er genoss, wenn er reichlich davon mitteilen konnte -
aber er hatte freilich Einnahme und Ausgabe nicht allzu gut berechnen gelernt
und hatte daher sehr oft Gelegenheit, sich in der großen Kunst des freiwilligen
Entbehrens von dem, was man sonst gern hätte, zu üben. - Ohne jemals Anweisung
dazu gehabt zu haben, verfertigte er sehr gute Klaviere und Fortepianos, welches
ihm zuweilen ansehnliche Einnahmen verschafte, die ihm aber freilich bei seiner
gar zu großen Freigebigkeit nicht viel halfen. - dabei hatte er den Kopf
beständig voll romanhafter Ideen und war immer in irgendein Frauenzimmer
sterblich verliebt; wenn er auf diesen Punkt kam, so war es immer, als hörte man
einen Liebhaber aus den Ritterzeiten. - Seine Treue in der Freundschaft, seine
Begierde, den Notleidenden zu helfen, und selbst seine Gastfreiheit kam auf
diesen Schlag heraus und gründete sich zum Teil auf die romanhaften Begriffe,
womit seine Phantasie genährt war, obgleich sein gutes Herz der eigentliche
Grund davon war - denn nur auf dem Boden eines guten Herzens können dergleichen
Auswüchse von romanhaften Tugenden emporkeimen und Wurzel fassen. In einer
eigennützigen Seele und zusammengeschrumpften Herzen wird die häufigste
Romanenlektüre nie dergleichen Wirkungen hervorbringen. - Man sieht nun leicht
ein, warum Philipp und Anton Reiser sich auf halbem Wege begegneten und bei dem
nähern Umgange füreinander gemacht zu sein schienen. Der erstere war beinahe
zwanzig Jahre alt, da Reiser ihn kennen lernte; die Jahre, die er vor ihm voraus
hatte, machten ihn also gewissermaßen zu seinem Führer und Ratgeber, nur schade,
dass in dem Hauptpunkte, was die Ordnung des Lebens betraf, Reiser keinen bessern
Führer und Ratgeber fand. - Indes hatte er doch nun den ersten eigentlichen
Freund seiner Jugend gefunden, dessen Umgang und Gespräche ihm die Stunden, die
er im Chore zubringen musste,
