 niemand mehr an
ihrer Ortodoxie, niemand hielt sie mehr für Feinde des Glaubens, und einige
luterische Theologen nahmen öffentlich und eifrig ihre Partie.
    Der aufgeklärte Teil vermutete, dass alles nur eine Erdichtung von Chymikern
wäre, wie die chymischen Kenntnisse bewiesen, deren sich die Gesellschaft
rühmte; sie setzten als einen neuen Beweis hinzu, dass der Name Rosenkreuz
chymisches Latein wäre und einen Philosophen bedeutet, der Gold machen könnte;
denn ros (der Tau) soll in der alchymistischen Sprache das Gold genennt werden.
    Viele waren einfältiglich überzeugt, dass Gott aus besondrer Gnade sich
einigen Frommen und Auserwählten geoffenbart und sie ausgerüstet hätte, die
Wissenschaften zu reformieren und dem menschlichen Geschlecht unbekannte
Geheimnisse zu entdecken.
    An keinem Orte konnte man diese Gesellschaft noch ein Mitglied davon
entdecken; verständige Leute bestärkten sich daher in ihrer Meinung, dass es gar
keine solche Brüderschaft gäbe noch jemals gegeben hätte und dass alles, was man
von ihr und ihrem Stifter erzählte, nur ein Märchen wäre, das man erfunden
hätte, um sich auf Unkosten der Leichtgläubigen zu belustigen oder um die
Meinung des Publikums von der Lehre des Paracelsus und der Alchymisten zu
erfahren.
    Das Ende war, dass niemand mehr von dieser Brüderschaft sprach, seitdem die
Erfinder nicht mehr davon schrieben. Man warf einen starken Verdacht auf
Valentin Andreae, einen wirttembergischen Theologen, dass er vielleicht nicht der
erste Erfinder dieses Possenspiels wäre, aber doch die erste Rolle dabei
gespielt hätte.
    Gegenwärtige Geschichte beweist auf eine unumstössliche Art, dass alle diese
Herren in ihren vernünftigen und in ihren einfältigen Mutmaßungen sich betrogen;
sie beweist nicht allein, dass die Gesellschaft der Rosenkreuzer einmal
existierte, weil ich sonst die Geschichte eines Rosenkreuzers nicht erzählen
könnte, sondern auch dass die Rosenkreuzer ganz etwas anders waren, als man
glaubte.
    Gelehrte, die mit der Naturgeschichte des Menschen sehr bekannt sind, werden
bei dem Namen des Mannes, dessen Geschichte hier erzählt wird, zuerst an das
unglückliche Geschlecht der schneeweißen Menschen mit rosenfarbnen Augen denken,
die man in Asien Kakerlaken, in Afrika Albinos und im Französischen
Nègres-blancs nennt. Allein hier geht es ihnen wie oft bei andern Gelegenheiten:
Sie vermuten alles, nur nicht was sie vermuten sollen. Der Name Kakerlak ist
ganz natürlich aus Kak und Lak zusammengesetzt und hat mit den weißen Negern
nicht das geringste gemein; wem daran liegt zu wissen, was diese beiden Wörter
in der alchymistischen Sprache bedeuten, dem rate ich, ein Wörterbuch der edlen
Goldmacherkunst nachzuschlagen.
    Kakerlak war ein Philosoph, der den moralischen Stein der Weisen, die
Glückseligkeit, suchte; nach dem Willen der Natur sollte er sie vorzüglich in
sich, in seinem Verstande und seinem Herze finden, allein der gute Mann wurde
seiner Bestimmung überdrüssig und glaubte daher, dass er auf
