 ein anderer, ganz geringfügig scheinender Umstand, welcher zu der großen Sympatie zwischen den beiden Universitätsfreunden beitrug. Anselm war klein und rund; und Herr von Reiteim gleichfalls. Dicke Leute, die groß sind, finden allenthalben Ansehen, denn sie können der Länge und Breite nach Fronte machen und sich Platz schaffen; aber kleine runde Leute leben gemeiniglich in ecclesia pressa und halten daher näher aneinander.
Indessen ists wahr, dass außer dem Masse ihrer Klugheit und Runde, noch mancher auffallende Unterschied zwischen beiden war. Beide hatten stattliche Bäuche. Anselms Bäuchlein war zierlich rund; aber Herr von Reiteim hatte schon in der Jugend eine Anlage zum Hängebauch. Anselm hatte eine feine weiße und rote Gesichtsfarbe und eine zierliche Nase, beinahe eine von den Klugheitsnasen, welche der Seelenarzt Lavater den Fürsten vorschreibt, zu Ministern zu wählen; dabei rote niedliche Kusslippen, zwischen denen nur die Mittellinie der Weisheit etwas zu merklich war. Herr von Reiteim hingegen war im Gesichte etwas braun von seiner ländlichen Erziehung, etwas rot um die Augenknochen vom frühen Trinken, seine Nase war nicht so gut begabt, denn sie war breit, abgestutzt und knorplicht, eine von den Nashornnasen, wovon schon ein alter Dichter sagt: Et pueri nasum rhinocerontis habent! und dabei hatte er etwas aufgeworfene weisslichrote Lippen. Ein genauer Physiognomist würde an beiden noch mehrere Unterschiede, besonders an den Waden und Knöcheln der Hände, bemerkt und darin unfehlbar des einen Neigung zum Bezweifeln und des andern zum Demonstrieren, vereint mit beider Neigung zum Schwatzen, deutlich erkannt haben.
Mit diesem alten Universitätsfreunde hatte Anselm von Zeit zu Zeit noch einige Korrespondenz unterhalten. Er hatte nicht unterlassen, dem Herrn von Reiteim seine Bekehrung zur kritischen Philosophie zu melden und beizufügen, dass er durch dieselbe den Skeptizismus nun viel sicherer als ehemals durch die matematische Methode besiegen könne. Er hatte auch von dem Herrn von Reiteim wenigstens einigen Dank erhalten, dass er ihn die kritische Philosophie habe kennen lehren, welche noch nicht bis ins dortige Ritterkanton gedrungen war, wozu er das Versprechen fügte, die Kantischen Schriften zu studieren. Da Anselm nun nicht zweifelte, Herr von Reiteim wäre durch dieselben völlig überzeugt worden und ihm deswegen Dank schuldig: so glaubte er, von demselben für einen so wichtigen Dienst auch wohl eine Gegengefälligkeit verlangen zu können. Er wusste, dass Herr von Reiteim an mehreren Höfen sich aufgehalten hatte und mit den angesehensten Familien im Reiche verwandt war; er schrieb deshalb an denselben, setzte ihm einigermaßen seine Lage auseinander und bat ihn um seine Empfehlung an einen Minister. Philipp widerriet zwar diesen Schritt und war der Meinung, ein vornehmer und reicher Mann denke nicht so lange an Universitätsfreundschaft, er werde sich weiter um ihn nicht bekümmern, da er ihn nicht brauchen könne, und
