 war die hinterlassene Waise eines Predigers in der Gegend um Krefeld, war fromm und still erzogen und hatte in ihrer Jugend bloß aus den schönen geistlichen Büchern Unterweisung genossen, welche den dortigen Gegenden eigen sind. Sie lebte nach ihres Vaters Tode in dem Hause eines Vaterbruders, eines Kaufmannes in Aachen, der zwar zu den Stillen im Lande gehörte, dabei aber auch in den Geschäften der Welt wohl bewandert war. Er besaß ein großes Haus, welches er zur Kurzeit an Fremde vermietete, wodurch auch Platter bei ihm war bekannt geworden. In dieser Gesellschaft hatte sich die Nichte, ob sie gleich eingezogen lebte, zum Tone des feinern Umganges gebildet und mehrere Weltkenntnis erlangt. Sie war sehr schön, von sanfter einnehmender Gemütsart, sehr sittsam in ihrem ganzen Wesen, zuweilen etwas kränklich, wenn sie gesund war, sehr heiter, unterhaltend und gegen jedermann von zuvorkommender Gefälligkeit. Diese reizende Schöne zog Anselms Aufmerksamkeit auf sich. Ihre vortrefflichen Eigenschaften machten bald einen andern Menschen aus ihm. Seine Abneigung gegen das Heiraten, die er für so fest hielt, dass er oft mit Philipp gezankt hatte, der sie für eine vorübergehende Laune halten wollte, verschwand vor den schönen Augen der Jungfer Angelika wie Eis vor der Frühlingssonne, und unser dicker Mann war in wenig Wochen wieder förmlich verliebt, und zwar in Jungfer Angelika.
Sie war ziemlich leselustig; sonderlich alles, was sanfte, empfindsame, menschenliebende, mitleidige Gesinnungen atmete, rührte sie ungemein. Aber alles Moralische hatte vorzüglich ihren Beifall, und sie konnte sich darüber stundenlang unterhalten. Dies verschafte unserm Anselm die beste Gelegenheit, sehr oft bei ihr zu sein; denn er brachte ihr Bücher und las in ihrer Gesellschaft, wobei Platter, der schon vorher im Hause bekannt war, zuweilen den dritten Mann ausmachte und durch seine gelegentlichen Bemerkungen zeigte, dass, wenn er gleich im Sommer meist in munterer Gesellschaft sehr zerstreut lebte, er dennoch, wenigstens im Winter und Herbste, auch in stillen Gesellschaften kein unangenehmer Gefährte war. Man kann wohl denken, dass Anselm der Jungfer Angelika manche empfindsamen Romane werde gebracht haben, welches ihm die trefflichste Gelegenheit gab, seine aufkeimende Liebe zu ihr bis zur schönsten Blüte zu bringen. dabei war diese empfindsame Seele nicht so ausschließend für das Geistige, dass sie nicht, obgleich auf sittsame Art, gern ihren Körper geschmückt hätte. Dies gab dem verliebten Anselm Gelegenheit, sich in Geschenken gegen sie galant zu beweisen; und wenn sie sich damit zierte, so vermehrte sich seine Liebe noch mehr, denn er freute sich, dass sie seine Geschenke schätzte und dass sie schöner dadurch ward.
Kurz, Jungfer Angelika gewann unsers dicken Mannes Herz täglich mehr, er täglich mehr das ihrige. Diese süßen wechselseitigen Gefühle machten in ihm
