 Eröffnung der vollen Kurzeit in Aachen, einer von den tausend Deutschland unaufhörlich durchreisenden berühmten Virtuosen gab, von denen noch niemand hat reden hören, bis sie die Billette zu ihrem Konzerte herumschicken. Diese Schöne machte auf Anselm eine sehr große Sensation, deren Wirkungen noch fortdauerten, als der erste Eindruck längst vorüber war. Seine sorgfältigen Erkundigungen nach ihr mussten notwendig das Verlangen zu einem nähern Umgange erregen. Sie wohnte im Hause ihres Vormundes, des Hofrats [R2]. Ihre Schönheit, Sittsamkeit und Jugend, nebst einem großen Vermögen, von dessen Einkommen sie völlig Herr war, weil ihr Vormund, nach dem Willen ihres verstorbnen Vaters, hierin und in der Wahl eines Gatten ihr vollkommene Freiheit ließ, waren ihre geringsten Vorzüge. Sie besaß einen durchdringenden Verstand, einen lebhaften Witz, Kenntnisse in den Wissenschaften, wie man sie von einem Frauenzimmer kaum verlangen kann, und Talente, wie man sie selten findet. Sie sang wie ein Engel, sie spielte Klavier und Harfe, sie zeichnete, sie stickte. Wie hätte Anselm bei so vielen Vorzügen gleichgültig bleiben können? Er suchte mit Eifer Zutritt in ihr Haus und erhielt ihn. Ungeachtet sie eher etwas zurückhaltend war und sonst neuen Umgang eben nicht anzuknüpfen pflegte, so schien sie sich doch in Dr. Anselms Gesellschaft zu gefallen und ihn, von der ersten Zeit ihrer Bekanntschaft an, vorzüglich von andern zu unterscheiden. Anselm besuchte sie nun so oft es möglich war, weil er auch in ihrer Gesellschaft ein außerordentliches Vergnügen fand; und sie nahm dieses so wohl auf, dass sie ihn sogar einmal in Vaals wieder besuchte. Beide trafen auf so vielen Seiten in ihren Gesinnungen und Empfindungen zusammen, dass sie sich leicht wechselseitig gefallen konnten. Man kann denken, dass Anselm die Verse nicht werde gespart haben; denn Jungfer Emerentia war eine Kennerin von Gedichten. Was ihn aber noch mehr an ihre Unterhaltung fesselte, waren ihre wissenschaftlichen und philosophischen Unterhaltungen, welche, wie schon bekannt, unsers dicken Mannes Lieblingsfach ausmachten. Jungfer Emerentia liebte sehr die Untersuchungen über Gott, Welt, das Universum und die Substanzen. dabei konnte der gute Anselm auskramen, was er am liebsten auskramte. Sie hörte ihm aufmerksam zu, antwortete so, dass zu sehen war, sie begreife, was gesagt ward, und nehme Anteil. Unvermerkt stieg dann die sanfte weibliche Seele vom Empyreum auf unsere Erde hernieder; und nun sprachen sie von den Pflichten der Menschen in der wirklichen Welt, von Edelmut, Wohltätigkeit, Menschenliebe und Aufklärung, welches unserm Anselm, der bei seinen mancherlei kleinen Torheiten eine gutmütige Seele war und gern, ohne viele Mühe, das ganze menschliche Geschlecht glücklich gemacht hätte, das Herz so erwärmte, dass er die schöne Emerentia als ein überirdisches Wesen ansah. Und
