 mehr herbeischafte. Er ging also nun darauf aus, sein Leben recht zu genießen und der ganzen Universität zu zeigen, was der runde Anselm für ein Kerlchen sei. Er war beflissen, sich hauptsächlich nur zu den vornehmen und reichen Studenten zu halten und es ihnen in allem gleich, ja wo möglich noch zuvorzutun. Er wurde die Seele aller ihrer Koterien, aller Lustpartien nach Weende und aller kostbaren Reisen nach Kassel, und wo ein schönes Mädchen wohnte, da ging er täglich wohl viermal vor dem Fenster vorbei.
Freilich musste dabei viel Zeit verloren gehen; doch kann man nicht sagen, dass unser dickes Männchen seine Studien ganz verabsäumt hätte; denn er hörte sogar medizinische Kollegien oder bezahlte sie doch wenigstens. dabei trieb er vorzüglich die ritterlichen Übungen des Fechtens, Reitens und Tanzens, so wie es einem reichen Studenten gebührt. Ja er lernte noch dazu ziemlich vernehmlich auf der Geige kratzen, weil er gern einigen Edelleuten nacheifern wollte, welche zu dem wöchentlichen Konzerte eines in ganz Deutschland verehrten Mannes gebeten wurden. Aber am fleissigsten besuchte er die Kollegien über alle Teile der spekulativen Philosophie, besonders über die Ontologie, Kosmologie und über alles, was jenseits des menschlichen Verstandes liegt, worüber in den Kollegien der Professoren der Philosophie bekanntlich die sichersten Nachrichten zu erhalten sind. Hieraus machte er wirklich ein ernsthaftes Studium und war nicht bloß mit den Sätzen seiner Lehrer zufrieden, sondern überließ sich sehr bald seinem eigenen Nachsinnen. Er fand einen Lehrer der Weltweisheit, welcher der damals schon in Abnahme geratenden Wolfischen Philosophie noch sehr ergeben war. Dieser machte ihn mit den Geheimnissen der demonstrativischmatematischen Methode bekannt, welche von ihm sogleich angewendet ward. Denn da Anselmuccio seinen Einsichten viel zutraute, so traute er sich auch zu, ergründen zu können, wie es mit Gott und dem Universum beschaffen sei; und wenn ers matematisch demonstriert hatte, so hielt ers für ergründet. Fand er nun einen andern philosophischen Anfänger, der eben so tief dachte und eben so weit ins Blaue hinaussah wie er selbst: so flogen die Atqui und Ergo stundenlang, bis beide heiser waren, und dennoch verharrte gemeiniglich jeder auf seiner Meinung. War Anselmuccio aber in solchem philosophischen Paroxysmus allein, so vertiefte er sich oft tagelang in Spekulationen über Substanzen und Accidenzen, Welt, Kraft und was dahin gehört, so dass ihn nichts herausziehen konnte als der Anblick eines neuen schönen Gesichts. Dies ging freilich bei ihm noch über die Ontologie. Fanden sich ein paar heitere schwarze oder schmachtende blaue Augen, die ihn holdselig anblickten, oder ein schöner Mund, der ihn freundlich anlächelte, so war Anselmino gleich sterblich verliebt und Substanz, Kraft und Universum waren vergessen. Nun sah er wieder um sich her; nun sah er das Gras und die Blumen
