, der er entsagen wollte, das schob, woran eigentlich seine Sinnlichkeit schuld war, die er noch beizubehalten dachte. So vermeinte er dann nun, die Menschen in allen Lagen kennen lernen zu müssen, sie zu beobachten und über alles seine Betrachtungen anzustellen, und bildete sich wirklich ein, praktische Philosophie zu zeigen, weil er täglich in Kaffeehäusern und Weinschenken anzutreffen war.
In den sehr vermischten Gesellschaften dieser Häuser lernte unser dicker Mann freilich gar mancherlei Leute kennen, aber keine, die des Beobachtens wert gewesen wären. Müßiggänger sah er ihre Zeit töten. Tabakrauchen und Trinken, indolentes Hinblicken über einen Haufen gleichgültiger Leute, Zeitungslesen und Spiel ist alles, was man in solchen Häusern antrifft. Diese Zusammenkünfte werden sehr uneigentlich Gesellschaften genannt. Die Engländer unterscheiden in ihrer Sprache zwischen Kompany und Society: [Fussnote] ein ebenso feiner als richtiger Unterschied, den die in vieler andern Rücksicht so reiche, aber zur Sprache des Umgangs lange nicht genug ausgebildete deutsche Sprache noch nicht aufgenommen hat. Der Zulauf an öffentlichen Örtern ist ein Haufen Leute, die Gemeinschaft mit einander haben; aber Gesellschaft machen sie nicht aus, so wenig, als ein Zimmer voll unbedeutender Bildnisse ein Gemälde, das auf Geist und Herz wirkt.
Auch fand sich Anselm, nachdem er ein paar Monate diese Örter besucht hatte, daselbst so einsam wie zu Hause; oft saß er da mit starrem Blicke und staunend, als ob er Drahtpuppen sich bewegen sähe. Nirgend war Genuss, allenthalben toter Zeitverderb ohne Frohsinn. Unter diesen lebendigen Maschinen interessierten ihn bei seiner Langeweile die Spieler noch am längsten; denn obgleich die Hazardspiele im Herzogtume Berg verboten sind, ward doch nicht streng über das Gesetz gehalten. Da er selbst keine Neigung zum Spiele hatte, so konnte er nicht begreifen, wie jemand täglich die Zeit mit einem solchen Unvergnügen verderben und noch dazu seinen Wohlstand und folglich sein wahres Vergnügen aufs Spiel setzen könne. Die tote Gleichgültigkeit der Spieler von Profession und die schrecklichen Leidenschaften der Neulinge, die wilde eigennützige Freude, wenn sie gewinnen, und die tobende Wut, wenn sie verlieren, schien ihm gleich hassenswürdig. Er machte darüber ganz feine philosophische Betrachtungen, wie es denn sehr leicht ist, über die Torheiten zu philosophieren, welche man nicht begehen mag. Vielleicht war es wegen der Leichtigkeit dieser Betrachtungen, dass er ihrer bald überdrüssig ward. Seine tägliche Langeweile mischte sich in seine Philosophie sowie in das Vergnügen, das er an öffentlichen Orten zu finden dachte und nicht fand. Er wünschte sich, wenn er da war, zu Hause; wenn er zu Hause war, aufs Kaffeehaus. Nirgend war er an seinem rechten Orte; denn ob er gleich ausging, um durch Zerstreuung seine Grillen zu vertreiben und sich zu vergnügen, so fand
