 geben kann, und fühlte jetzt erst lebhaft, man müsse, um glücklich zu werden, nicht Vergnügen von außen suchen, sondern es in sich finden, aber auch eines so edlen Vergnügens würdig sein.
Der Prediger und seine Gattin waren unermüdet in Beobachtung ihrer Pflichten und setzten ihnen alle, sogar die unschuldigsten, Vergnügungen nach. Anselm hatte über das moralische Prinzipium der Pflicht viel Worte gemacht; aber er konnte sich, in Vergleichung mit diesem edlen Paare, selbst nicht verhehlen, dass er seine Pflichten durch dies Prinzip nicht besser ausgeübt hatte. Der Prediger war der Vater, der Berater, der Arzt aller seiner Kirchkinder. Mit dem mässigsten Einkommen wusste er durch eigene Entäusserung und Frugalität Mittel zu finden, vielen Notleidenden ein Helfer zu sein. Anselm schlug an seine Brust. Er sagte sich selbst, dass er im besten Wohlstande und bei vielen zwecklosen Ausgaben nicht einmal so viel zum Besten anderer getan hatte, als dieser arme Landgeistliche, und schämte sich zum ersten Male seines Egoismus.
Hier in dieser ländlichen Hütte sah unser guter Anselm zuerst das wahre häusliche Glück, wonach er so lange vergeblich gestrebt hatte. Er sah es hier aus wechselseitiger herzlicher Zuneigung und aus Wohltun mit vereinigten Kräften entstehen. Hier legte er auch den ersten Grund zur wahren Selbsterkenntnis, indem er fühlte, er habe den echten Lebensgenuss durch eigene Schuld verfehlt und Zerstreuung sei nicht Lebensgenuss. Hier entstand bei ihm der erste deutliche Begriff vom Unterschiede zwischen einer dürren teoretischen und einer fürs menschliche Leben brauchbaren praktischen Philosophie, und er sagte sich nun selbst, er sei bisher ein elender Philosoph gewesen.
Dies war an sich sehr gut; denn seine Torheit zu erkennen, ist der erste Schritt der Weisheit. Aber die lebhafte Einbildungskraft unsers guten dicken Mannes spielte ihm abermal einen schlimmen Streich. Sie trabte, wie gewöhnlich, vor seinem Verstande her und bildete ihm ein, ein kleiner Anfang von Klugheit sei schon die höchste Stufe derselben. Sie bildete ihm ein, den ausbündigen Lebensgenuss, den er vor sich sah, könne er sich auch gar leicht verschaffen, wobei er denn freilich nicht daran dachte, ob er schon die Genügsamkeit und die Seelenruhe besäße, welche den Geist allein zu einem so edlen Genuße fähig machen.
Es ergriff ihn mit einemmale ein ganz entusiastischer Trieb zum Landleben. Ehrgeiz war nie in ihm gewesen, sondern nur heißes Verlangen nach Lebensgenuss und Lebensglück. Hier, glaubte er, oder nirgend müsse es zu finden sein. Er machte sich abermal einen gar schönen Plan, bei dem sich, seiner Meinung nach, Philosophie, Entäusserung und Genügsamkeit vereinigten. Er wollte nun ein Dorfschulmeister werden, nach der Rochowschen Art. Da er immer Kinder geliebt hatte, so machte er sich die süßesten Ideen von den Vergnügen,
