, so brachte sie täglich ein paar Stunden zu, ihre Verse und ihres Bruders Reime ihren Katzen vorzudeklamieren.
Diese poetische Familie hatte eine Tugend, die nicht allen Dichtern eigen ist: sie ließ ihre Gedichte nicht drucken, sondern widmete dieselben nur sich selbst und ein paar auserlesenen Seelen. Indes wollte Jungfer Ursula doch für die Nachwelt sorgen. Sie hatte ihre eigenen Gedichte in einer gewissen Ordnung gesammelt und wünschte, sie nun ins Reine geschrieben zu sehen. Zu diesem Behufe warf sie ihre Augen auf unsern Anselm, von dem seine schöne Handschrift, und dass er eine Art von Gelehrten sei, endlich in der Stadt ziemlich war bekannt geworden. Jedoch wollte sie, da ihr Naturell sie zu einigem Misstrauen stimmte, ihn erst probieren. Sie las ihm einige Gedichte vor. Er war schon genugsam gedemütigt, um mit Klugheit zu schweigen. Sie ließ ihn auch ihr ein paar Gedichte vorlesen und war mit seinem Vortrage zufrieden, weil er sie, wie sie sagte verstände. Nun ging er an das große Werk, die Gedichte abzuschreiben, auf dem schönsten großen Papiere, welches die erhabene Ursula eigenhändig mit rosenroter Seide zusammenheftete. Seine deutliche Handschrift fand den Beifall der Dichterin, zumal da er den Gedichten noch unvermerkt die zufällige Zierde einer richtigen Ortographie gab. Er arbeitete an dieser Abschrift täglich einige Stunden in dem Hause und unter der unmittelbaren Aufsicht der Jungfer Ursula, welche ihre Gedichte unter keiner Bedingung fremden Händen würde anvertraut haben. Je mehr die Abschrift fortrückte, je mehr ward die Dichterin entzückt, die Kinder ihres Geistes in so schöner Gestalt zu erblicken. Sie hatte eine Vorsicht gebraucht, an welche nicht alle Dichter denken, nämlich ihre schönsten Sachen in die letzten Bände zu sparen, damit jeder Band am Werte zunähme. Als daher unser dicker Mann anfing, unter ihren Augen das siebente Riess Papier zu beschreiben, gefielen ihr selbst die Gedichte so außerordentlich wohl, dass sie ihm oft das Papier aus der Hand nahm, um ihm ihre Gedichte mit lauter Stimme vorzulesen. Er war klug genug, nicht nur zu schweigen, sondern auch zuweilen ihr Beifall zuzulächeln, zuweilen sie mit Worten zu loben. Dies gefiel ihr sehr wohl; denn sie hatte seit langer Zeit nicht so angenehme Stunden genossen. Sie fing nun an, unserm dicken Manne viel freundlicher als sonst zu begegnen; und da er auch vor ihren Katzen Gnade fand, welche während ihres Deklamierens auf seinen Schoss sprangen und sich von ihm streicheln ließ, so ward ihr Herz erweicht; und die Freude über die schön geschriebene Sammlung ihrer Gedichte, wovon der Buchbinder ihr einen Band nach dem andern prächtig gebunden mit vergoldetem Schnitte vorlegte, gab dieser erhabenen Verfasserin eine Munterkeit, die man sonst an ihr nie war gewahr geworden. Unser Anselm hingegen
