 dieser Art zu denken, und vermöge der unendlichen Leichtigkeit, womit er
seinen musikalischen Laich von sich gab, hatte er nun binnen wenig Jahren zu
mehr als 60 Stücken von berühmten und unberühmten ateniensischen
Schauspieldichtern die Musik gemacht - denn die abderitischen Nationalproducte
überließ er meistens seinen Schülern und Nachahmern, und begnügte sich bloß mit
der Revision ihrer Arbeit. Freilich fiel seine Wahl, wie man denken kann, nicht
immer auf die besten Stücke; die Hälfte wenigstens waren bombastische
Karricaturnachahmungen des Aeschylus, oder abgeschmackte Possenspiele,
Jahrmarktstücke, die von ihren Verfassern selbst bloß für die Belustigung des
untersten Pöbels bestimmt waren. Aber genug, der Nomophylax, ein Haupt der
Stadt, hatte sie componiert; sie wurden also unendlich beklatscht und wenn sie
denn auch bei der öfteren Wiederholung mitunter gähnen und hojahnen machten, dass
die Kinnladen hätten auseinander gehen mögen, so versicherte man einander doch
beim Herausgehen sehr tröstlich: es sei gar ein schönes Stück und gar eine
schöne Musik gewesen!
    Und so vereinigte sich denn alles nicht nur gegen die Arten und Stufen des
Schönen, sondern gegen den innern unterschied des Vortrefflichen und Schlechten
selbst, bei diesen griechenzenden Traciern, jene mechanische Kaltsinnigkeit
hervorzubringen, wodurch sie sich als durch einen festen Nationalcharakterzug
von allen übrigen policierten Völkern des Erdhodens auszeichneten; eine
Kaltsinnigkeit, die dadurch desto sonderbarer wurde, weil sie ihnen
demungeachtet die Fähigkeit ließ, zuweilen von dem wirklich Schönen auf eine gar
seltsame Art afficiert zu werden - wie man in kurzem aus einem merkwürdigen
Beispiel ersehen soll.
 
                                Drittes Kapitel
                 Beiträge zur abderitischen Litterargeschichte
 Nachrichten von ihren ersten theatralischen Dichtern, Hyperbolus, Paraspasmus,
                             Antiphilus und Tlaps
Bei aller dieser anscheinenden Gleichgültigkeit, Toleranz, Apathie, Hidypatie,
oder wie man's nehmen will, müssen wir uns die Abderiten gleichwohl nicht als
Leute ohne allen Geschmack einbilden. Denn ihre fünf Sinnen hatten sie richtig
und vollgezählt; und wiewohl ihnen, unter den angegebnen Umständen, Alles gut
genug schmeckte: so deuchte sie doch, dieses oder jenes schmecke ihnen besser
als ein andres; und so hatten sie denn ihre Lieblingsstücke und Lieblingsdichter
so gut als andre Leute.
    Damals, als ihnen der kleine Verdruss mit dem Arzt Hippokrates zustiess, waren
unter einer ziemlichen Anzahl von Teaterdichtern, welche Handwerk davon machten
- die Freiwilligen nicht gerechnet - vornehmlich zween im Besitz der höchsten
Gunst des abderitischen Publicums. Der eine machte Tragödien und eine Art
Stücke, die man jetzt komische Opern nennt; der andere, Namens Tlaps, eine Art
von Mitteldingen, wobei einem weder wohl noch weh geschah, wovon er der erste
Erfinder war, und die deswegen nach seinem Namen Tlapsödien genannt wurden.
    Der erste war eben der Hyperbolus, dessen schon zu Anfang dieser eben so
wahrhaften als wahrscheinlichen Geschichte als des berühmtesten unter den
abderitischen Dichtern erwähnt
