 und Gegenreden, über den
Putz, die Stimme, den Anstand, den Gang, das Tragen des Kopfs und der Arme, und
zwanzig andre Dinge dieser Art, an den Schauspielern und Schauspielerinnen.
Mitunter sprach man auch wohl von dem Stücke selbst, sowohl von der Musik als
von den Worten (wie sie die Poesie davon nannten), d.i. ein jedes sagte, was ihm
am besten oder wenigsten gefallen hätte; man hob die vorzüglich rührenden und
erhabenen Stellen aus; tadelte auch wohl hier und da einen Ausdruck, ein
allzuniedriges Wort, oder ein Sentiment, das man übertrieben oder anstößig fand.
Aber immer endigte sich die Kritik mit dem ewigen abderitischen Refrein: es
bleibt doch immer ein schönes Stück - und hat viel Moral in sich, schöne Moral!
pflegte der kurze dicke Ratsherr hinzuzusetzen - und immer traf sichs zu, dass
die Stücke, die er ihrer schönen Moral wegen selig pries, gerade die elendesten
waren.
    Man wird vielleicht denken: da die besonderen Ursachen, die man zu Abdera
gehabt, alle einheimische Stücke ohne Rücksicht auf Verdienst und Würdigkeit
aufzumuntern, bei auswärtigen nicht statt gefunden, so hätte doch wenigstens die
große Verschiedenheit der ateniensischen Schauspieldichter, und der Abstand
eines Astydamas von einem Sophokles etwas dazu beitragen sollen, ihren Geschmack
zu bilden, und ihnen den Unterschied zwischen gut und schlecht, vortrefflich und
mittelmäßig, besonders den mächtigen Unterschied zwischen natürlichem Beruf und
bloßer Prätension und Nachäfferei, zwischen dem munteren, gleichen, aushaltenden
Gang des wahren Meisters, und dem Stelzenschritt oder dem Nachkeuchen,
Nachhinken und Nachkriechen der Nachahmer - anschaulich zu machen. Aber, fürs
erste, ist der Geschmack eine Sache, die sich ohne natürliche Anlage, ohne eine
gewisse Feinheit des Seelenorgans, womit man schmecken soll, durch keine Kunst
noch Bildung erlangen lässt; und wir haben gleich zu Anfang dieser Geschichte
schon bemerkt, dass die Natur den Abderiten diese Anlage ganz versagt zu haben
schien. Ihnen schmeckte Alles. Man fand auf ihren Tischen die Meisterstücke des
Genies und Witzes mit den Producten der schalsten Köpfe, den Taglöhnerarbeiten
der elendesten Pfuscher, unter einander liegen. Man konnte ihnen in solchen
Dingen weis machen was man wollte; und es war nichts leichter, als einem
Abderiten die erhabenste Ode von Pindar für den ersten Versuch eines Anfängers,
und umgekehrt das sinnloseste Geschmier, wenn es nur den Zuschnitt eines Gesangs
in Strophen und Antistrophen hatte, für ein Werk von Pindar zu geben. Daher war
bei einem jeden neuen Stücke, das ihnen zu Gesicht kam, immer ihre erste Frage:
von wem, - und man hatte hundert Beispiele, dass sie gegen das vortrefflichste
Werk gleichgültig geblieben waren, bis sie erfahren hatten, dass es einem
berühmten Namen zugehöre.
    Dazu kam noch
