 nur für
Leute schickten, die an den Galgen gehen. Diese Widersinnigkeit erstreckte sich
über alle Gegenstände des Geschmacks. Ein Leierspieler wurde in Abdera nur dann
für vortrefflich gehalten, wenn er die Saiten so zu rühren wusste, dass man eine
Flöte zu hören glaubte; und eine Sängerin, um bewundert zu werden, musste gurgeln
und trillern wie eine Nachtigall. Die Abderiten hatten keinen Begriff davon, dass
die Musik nur in so fern Musik ist, als sie das Herz rührt: sie waren wohl
zufrieden, wenn nur ihre Ohren gekützelt, oder wenigstens mit nichtssagenden,
aber vollen und oft abwechselnden Harmonien gestopft wurden. Mit einem Worte,
bei aller ihrer Schwärmerei für die Künste hatten die Abderiten keinen
Geschmack; und es ahnte ihnen gar nicht, dass das Schöne aus einem höheren Grunde
schön sei, als weil es ihnen so beliebte.
    Dieses alles ungeachtet, konnte Natur, Zufall und gutes Glück mit
zusammengesetzten Kräften wohl einmal so viel zuwege bringen, dass ein geborner
Abderite Menschenverstand bekam. Aber wenigstens muss man gestehen, wenn sich so
etwas begab, so hatte Abdera nichts dabei geholfen. Denn ein Abderit war
ordentlicher Weise nur in so fern klug, als er kein Abderit war; - ein Umstand,
der uns ohne Mühe begreifen lässt, warum die Abderiten von demjenigen unter ihren
Mitbürgern, der ihnen in den Augen der Welt am meisten Ehre machte, immer am
wenigsten hielten. Dies war keine ihrer gewöhnlichen Widersinnigkeiten. Sie
hatten eine Ursache dazu, die so natürlich ist, dass es unbillig wäre, sie ihnen
zum Vorwurf zu machen.
    Diese Ursache war nicht (wie einige sich einbilden), weil sie z.E. den
Naturforscher Demokritus - lange zuvor, eh er ein großer Mann war - mit dem
Kreisel spielen, oder auf einem Grasplatze Burzelbäume machen gesehen hatten. -
    Auch nicht: weil sie aus Neid oder Eifersucht nicht leiden konnten, dass
einer aus ihrem Mittel klüger sein sollte als sie. Denn - bei der untrüglichen
Aufschrift der Pforte des delphischen Tempels! - dies zu denken hatte kein
einziger Abderit Weisheit genug, oder er würde von dem Augenblick an kein
Abderit mehr gewesen sein.
    Der wahre Grund, meine Freunde, warum die Abderiten aus ihrem Mitbürger
Demokritus nicht viel machten, war dieser: weil sie ihn für - keinen weisen Mann
hielten.
    »Warum das nicht?«
    Weil sie nicht konnten.
    »Und warum konnten sie nicht?«
    Weil sie sich alsdann selbst für Dummköpfe hätten halten müssen. Und dies zu
tun waren sie gleichwohl nicht widersinnisch genug.
    Auch hätten sie eben so leicht auf dem Kopfe tanzen, oder den Mond mit den
Zähnen fassen, oder den Zirkel quadrieren können, als einen Menschen, der in
Allem ihr Gegenfüssler war
