 wesentlichen Zug ihrer Verfassung betrifft,
und keinen geringen Einfluss auf den Charakter der Abderiten hatte. In den
ältesten Zeiten der Stadt war, vermutlich einem orphischen Institut zufolge, der
Nomophylax, oder Beschirmer der Gesetze, (eine der obersten Magistratspersonen,)
zugleich Vorsänger bei den gottesdienstlichen Chören, und Oberaufseher über das
Musikwesen. Dies hatte damals seinen guten Grund. Allein mit der Länge der Zeit
ändern sich die Gründe der Gesetze; diese werden alsdann durch buchstäbliche
Erfüllung lächerlich, und müssen also nach den veränderten Umständen umgegossen
werden. Aber eine solche Betrachtung kam nicht in abderitische Köpfe. Es hatte
sich öfters zugetragen, dass ein Nomophylax erwählt wurde, der zwar die Gesetze
ganz leidlich beschirmte, aber entweder schlecht sang, oder gar nichts von der
Musik verstund. Was hatten die Abderiten zu tun? Nach häufigen Beratschlagungen
machten sie endlich die Verordnung: Der beste Sänger aus Abdera sollte hinfür
allezeit auch Nomophylax sein; und dabei blieb es, so lang Abdera stund. Dass der
Nomophylax und der Vorsänger zwo verschiedene Personen sein könnten, war in
zwanzig öffentlichen Beratschlagungen keiner Seele eingefallen.
    Es ist leicht zu erachten, dass die Musik, bei so bewandten Sachen, zu Abdera
in großer Achtung stehen musste. Alles in dieser Stadt war musikalisch; alles
sang, flötete und leierte. Ihre Sittenlehre und Politik, ihre Theologie und
Kosmologie, war auf musikalische Grundsätze gebaut; ja, ihre Ärzte heilten sogar
die Krankheiten durch Tonarten und Melodien. So weit scheint ihnen, was die
Spekulation betrifft, das Ansehen der größten Weisen des Altertums, eines
Orpheus, Pythagoras und Plato, zu statten zu kommen. Aber in der Ausübung
entfernten sie sich desto weiter von der Strenge dieser Philosophen. Plato
verweiset alle sanften und weichlichen Tonarten aus seiner Republik; die Musik
soll seinen Bürgern weder Freude noch Traurigkeit einflößen; er verbannet mit
den ionischen und lydischen Harmonien10 alle Trink- und Liebeslieder; ja die
Instrumente selbst scheinen ihm so wenig gleichgültig, dass er vielmehr die
vielsaitigen, und die lydische Flöte, als gefährliche Werkzeuge der Üppigkeit
ausmustert, und seinen Bürgern nur die Leier und die Citar, so wie den Hirten
und dem Landvolke nur die Rohrpfeife gestattet. So strenge philosophierten die
Abderiten nicht. Keine Tonart, kein Instrument war bei ihnen ausgeschlossen, und
- einem sehr wahren, aber sehr oft von ihnen missverstandnen Grundsatze zufolge -
behaupteten sie: dass man alle ernstaften Dinge lustig, und alle lustigen
ernstaft behandeln müsse. Die Ausdehnung dieser Maxime auf die Musik brachte
bei ihnen die widersinnigsten Wirkungen hervor. Ihre gottesdienstlichen Gesänge
klangen wie Gassenlieder; allein dafür konnte man nichts feierlichers hören, als
die Melodie ihrer Tänze. Die Musik zu einem Trauerspiel war gemeiniglich
komisch; hingegen klangen ihre Kriegslieder so schwermütig, dass sie sich
