 um dieser
Nachtigall recht ungestört zuhören zu können.«
    Das alberne Ding! sagte die Mutter des Mädchens. Hast du noch keine
Nachtigall gehört?
    »Nannion hat Recht, sagte die schöne Tryallis; ich selbst höre für mein
Leben gern den Nachtigallen zu. Sie singen mit einem solchen Feuer, und es ist
etwas so wollüstiges in ihren Modulationen, dass ich schon oft gewünscht habe, zu
verstehen, was sie damit sagen wollen. Ich bin gewiss, man würde die schönsten
Dinge von der Welt hören. Aber Sie, Demokritus, der alles weiß, sollten Sie
nicht auch die Sprache der Nachtigallen verstehen?«
    Warum nicht, antwortete der Philosoph mit seinem gewöhnlichen Phlegma; und
die Sprache aller übrigen Vögel dazu!
    »Im Ernste?«
    Sie wissen ja, dass ich immer im Ernste rede.
    »O das ist allerliebst! Geschwinde, übersetzen Sie uns was aus der Sprache
der Nachtigallen! Wie hieß das, was diese dort sang, als Nannion so davon
gerührt wurde?«
    Das lässt sich nicht so leicht ins Griechische übersetzen als Sie denken,
schöne Tryallis. Es gibt keine Redensarten in unsrer Sprache, die dazu zärtlich
und feurig genug wären.
    »Aber wie können Sie denn die Sprache der Vögel verstehen, wenn Sie nicht
auf Griechisch wiedersagen können, was Sie gehört haben?«
    Die Vögel können auch kein Griechisch, und verstehen einander doch?
    »Aber Sie sind kein Vogel, wiewohl Sie ein loser Mann sind, der uns immer
zum Besten hat.«
    Dass man in Abdera doch so gerne Arges von seinem Nächsten denkt! Indessen
verdient Ihre Antwort, dass ich mich näher erkläre. Die Vögel verstehen einander
durch eine gewisse Sympatie, welche ordentlicher Weise nur unter gleichartigen
Geschöpfen statt hat. Jeder Ton einer singenden Nachtigall ist der lebende
Ausdruck einer Empfindung, und erregt in der zuhörenden unmittelbar den Unisono
dieser Empfindung. Sie verstehet also, vermittelst ihres eignen innern Gefühls,
was ihr jene sagen wollte; und gerade auf die nämliche Weise versteh ich sie
auch.
    »Aber wie machen Sie denn das?« - fragten etliche Abderitinnen.
    Die Frage war, nachdem Demokritus sich bereits so deutlich erklärt hatte,
gar zu abderitisch, als dass er sie ihnen so ungenossen hätte hingehen lassen
können. Er besann sich einen Augenblick.
    »Ich verstehe den Demokritus«, sagte die kleine Nannion leise.
    »Du verstehst ihn, du naseweises Ding ? - schnarrte sie die Mutter an. - Nun
lass hören, Puppe, was verstehst du denn davon?«
    »Ich kann es nicht zu Worte bringen; aber ich empfind' es, deucht mich«,
erwiderte Nannion.
    »Sie ist, wie Sie hören, noch ein Kind, sagte die Mutter;
