 dachte ich, je weniger habe
ich zu besorgen, dass man die Abderiten für eine Satyre halten, und Anwendungen
davon auf Leute machen wird, die ich doch wohl nicht gemeint haben kann, da mir
ihr Dasein nicht einmal bekannt ist. Aber ich irrte mich sehr, indem ich so
schloss. Der Erfolg bewies, dass ich unschuldigerweise Abbildungen gemacht hatte,
da ich nur Phantasie zu malen glaubte.«
    Man muss gestehen, dies war einer der schlimmsten Streiche, die einem Autor
begegnen können, der keine List in seinem Herzen hat, und, ohne irgend eine
Seele ärgern oder betrüben zu wollen, bloß sich selbst und seinem Nebenmenschen
die Langeweile zu vertreiben sucht. Gleichwohl war dies was dem Verfasser der
Abderiten schon mit den ersten Kapiteln seines Werkleins begegnete. Es ist
vielleicht keine Stadt in Deutschland, und so weit die natürlichen Grenzen der
deutschen Sprachen gehen (welches, im Vorbeigehen gesagt, eine größere Strecke
Landes ist, als irgend eine andre europäische Sprache inne zu haben sich rühmen
kann), wo die Abderiten nicht Leser gefunden haben sollten; und wo man sie las,
da wollte man die Originale zu den darin vorkommenden Bildern gesehen haben. »In
tausend Orten (sagt der Verfasser) wo ich weder selbst jemals gewesen bin, noch
die mindeste Bekanntschaft habe, wunderte man sich, woher ich die Abderiten,
Abderitinnen und Abderitismen dieser Orte und Enden so genau kenne; und man
glaubte, ich müsste schlechterdings einen geheimen Briefwechsel oder einen
kleinen Kabinetsteufel haben, der mir Anekdoten zutrüge, die ich mit rechten
Dingen nicht hätte erfahren können. Nun wusste ich (fuhr er fort) nichts
gewisser, als dass ich weder diesen noch jenen hatte: folglich war klar wie
Taglicht, dass das alte Völklein der Abderiten nicht so ausgestorben war, als ich
mir eingebildet hatte.«
    Diese Entdeckung veranlasste den Autor, Nachforschungen anzustellen, die er
für unnötig gehalten hatte, so lange er bei Verfassung seines Werkes mehr seine
eigne Phantasie und Laune als Geschichte und Urkunden zu Rate gezogen hatte. Er
durchstöberte manche große und kleine Bücher ohne sonderlichen Erfolg, bis er
endlich in der sechsten Dekade des berühmten Hafen Slawkenbergius p. m. 864.
folgende Stelle fand, die ihm einigen Aufschluss über diese unerwartete
Ereignisse zu geben schien.
    »Die gute Stadt Abdera in Tracien (sagt Slawkenbergius am angeführten
Orte), ehmals eine große, volkreiche, blühende Handelsstadt, das tracische
Athen, die Vaterstadt eines Protagoras und Demokritus, das Paradies der Narren
und der Frösche diese gute schöne Stadt Abdera - ist nicht mehr. Vergebens
suchen wir sie in den Landcharten und Beschreibungen des heutigen Traciens;
sogar der Ort, wo sie ehmals gestanden, ist unbekannt, oder kann wenigstens nur
durch Mutmaßungen angegeben werden
