 ganz deutlich die Worte: Weh dir
Abdera! zu wiederholtenmalen, hätten unterscheiden können. Kurz das Wunder
wurde, wie gewöhnlich, immer größer, je weiter es sich fortwälzte, und fand
desto mehr Glauben, je ungereimter, widersprechender und unglaublicher die
Berichte waren, die davon gegeben wurden. Und da man bald die Zehnmänner zu
einer ungewöhnlichen Zeit in großer Hast und mit bedeutungsvollen Gesichtern dem
Tempel der Latona zueilen sah: so zweifelte nun niemand mehr, dass Begebenheiten
von der größten Wichtigkeit in dem Becher des abderitischen Schicksals gemischt
würden, und die ganze Stadt schwebte in zitternder Erwartung der Dinge, die da
kommen sollten.
    Das Kollegium der Zehnmänner war aus dem Archon, den vier ältesten
Ratsherren, den zween ältesten Zunftmeistern, dem Oberpriester der Latona, und
zween Vorstehern des geheiligten Teiches zusammengesetzt, und stellte das
ehrwürdigste unter allen abderitischen Tribunalien vor. Alle Sachen, bei denen
die Religion von Abdera unmittelbar betroffen war, standen unter seiner
Gerichtsbarkeit, und sein Ansehen war beinahe unumschränkt.
    Es ist eine alte Bemerkung, dass verständige Leute durchs Alter gewöhnlich
weiser, und Narren mit den Jahren immer alberner werden. Ein abderitischer
Nestor hatte daher selten viel dadurch gewonnen, dass er zwo oder drei neue
Generationen gesehen hatte; und so konnte man ohne Gefahr voraussetzen, dass die
Zehnmänner von Abdera, im Durchschnitt genommen, den Ausschuss der blödesten
Köpfe in der ganzen Republik ausmachten. Die guten Leute waren so bereitwillig,
die Erzählung des Oberpriesters für eine Tatsache, die gar keinem Einwurf
ausgesetzt sein könne, anzunehmen, dass sie die Abhörung der Zeugen für eine
bloße Formalität anzusehen schienen, womit man so schnell als möglich fertig zu
werden suchen müsse. Da nun Strobylus die Herren von der Richtigkeit des Wunders
schon zum voraus so wohl überzeugt fand: so glaubte er um so weniger zu wagen,
wenn er ohne Zeitverlust zu demjenigen fortschritte, weswegen er sich die Mühe
genommen, die ganze Fabel zu erfinden.
    »Von dem ersten Augenblick an, sagte er, da meine eignen Ohren Zeugen dieses
Wunderzeichens gewesen sind, welches, wie ich wohl sagen kann, in den
Jahrbüchern von Abdera niemals seines gleichen gehabt hat, stieg der Gedanke in
mir auf: dass es eine Warnung der Göttin sein könnte vor den Folgen ihrer Rache,
die, wegen irgend eines geheimen unbestraften Verbrechens, über unsern Häuptern
schweben möchte; und dies setzte mich in die Notwendigkeit, des Archons Gnaden
zu gegenwärtiger Versammlung des sehr ehrwürdigen Zehnmännergerichts zu
veranlassen. Was damals bloß Vermutung war, hat sich seit einer einzigen Stunde
zur Gewissheit aufgeklärt. Der Frevler ist bereits entdeckt, und das Verbrechen
durch Augenzeugen erweislich, gegen deren Wahrhaftigkeit um so weniger einiger
Zweifel vorwaltet, da der Täter ein Mann von zu großem Ansehen ist, als dass
