 die gegen einander
aufgehoben werden könnten) zu bestätigen, und beiden Parteien ein ewiges
Stillschweigen aufzulegen. Indessen setzte er doch hinzu: wofern die Majora
davor hielten, dass die Gesetze von Abdera nicht zureichend wären, einen so
geringfügigen Handel auszumachen, so müsse er sich gefallen lassen, dass der
große Rat den Ausspruch darüber tue; jedoch wollte er darauf angetragen haben,
vorher im Archiv nachsuchen zu lassen, ob sich nicht etwa schon in älteren Zeiten
dergleichen ungewöhnliche Fälle ereignet, und wie man sich dabei benommen habe.
    Diese Mäßigung des Archon - die ihm von der unparteiischrichtenden Nachwelt
einstimmig als ein Beweis von wahrer Regentenweisheit zum Verdienst angerechnet
werden wird wurde damals, da der Parteigeist alle Augen verblendet hatte, als
Schwachheit und phlegmatische Gleichgültigkeit ausgelegt. Verschiedene Senatoren
von der Partei des Erzpriesters ließ sich weitläuftig und mit großem Eifer
vernehmen: Man könne nichts geringfügig nennen, was die Rechte und Freiheiten
der Abderiten betreffe; wo kein Gesetz sei, finde auch kein gerichtliches
Verfahren statt; und das erste Beispiel, wo den Richtern gestattet würde, einen
Handel nach einer willkürlichen Billigkeit zu entscheiden, würde das Ende der
Freiheit von Abdera sein. Wenn der Streit auch noch was geringeres beträfe, so
komme es nicht auf die Frage an, wie viel oder wenig er wert sei, sondern welche
von den Parteien Recht habe; und da kein Gesetz vorhanden sei, welches in
vorliegendem Fall entscheide, ob des Esels Schatten stillschweigend in der Miete
begriffen sei oder nicht: so könne sich weder das Untergericht noch der Senat
selbst ohne die offenbarste Tyrannie anmassen, dem Abmieter etwas zuzusprechen,
woran der Vermieter wenigstens eben so viel Recht habe, oder vielmehr ein
ungleich besseres, da aus der Natur ihres Kontracts keineswegs notwendig folge,
dass die Meinung des letztern gewesen, jenem auch den Schatten seines Esels zu
vermieten u.s.w. Einer von diesen Herren ging so weit, dass er in der Hitze
heraus fuhr: er sei jederzeit ein eifriger Patriot gewesen; und eh er zugeben
würde, dass einer seiner Mitbürger sich anmassen sollte, nur den Schatten einer
tauben Nuss dem andern willkürlich abzusprechen, eh wollt' er ganz Abdera in
Feuer und Flammen sehen.
    Itzt verlor der Zunftmeister Pfrieme alle Geduld. Das Feuer, sagte er, womit
man die ganze Stadt mit solcher Verwegenheit bedrohe, sollte mit demjenigen
angezündet werden, der sich zu reden unterstehe. »Ich bin kein studierter Mann,
fuhr er fort; aber, bei allen Göttern, ich lasse mir Mäusedreck nicht für
Pfeffer verkaufen! Man muss den Verstand verloren haben, um einem gesunden
Menschen weis machen zu wollen, dass es ein eigenes Gesetz brauche, wenn die Frage
ist, ob sich einer auf eines Esels Schatten setzen dürfe, wenn er
