
gewinnen.
    Der steht unten auf der Gasse vor der Türe.
    Führt ihn in den Hof herein, sagte Philippides.
    Der Eigentümer des Esels gehorchte mit Freuden; denn er hielt es für ein
gutes Zeichen, dass der Richter die Hauptperson im Spiele sehen wollte. Der Esel
wurde herbei geführt. Schade, dass er seine Meinung nicht auch zu der Sache sagen
konnte! Aber er stund ganz gelassen da, schaute mit gereckten Ohren erst den
beiden Herren, dann seinem Meister ins Gesicht, verzog das Maul, ließ die Ohren
wieder sinken, und - sagte kein Wort.
    Da seht nun selbst, gnädiger Herr Stadtrichter, rief Antrax, ob der
Schatten eines so schönen, stattlichen Esels nicht seine zwo Drachmen unter
Brüdern wert ist, zumal an einem so heißen Tage wie der heutige?
    Der Stadtrichter versuchte die Güte noch einmal, und die Parteien fingen
schon an, es allmählig näher zu geben: als, unglücklicher Weise, Physignatus
und Polyphonus, zween von den namhaftesten Sykophanten in Abdera, dazu kamen,
und, nachdem sie gehört, wovon die Rede war, der Sache auf einmal eine andere
Wendung gaben. Herr Strution hat das Recht völlig auf seiner Seite, sagte
Physignatus, der den Zahnarzt für einen wohlhabenden und dabei sehr hitzigen
und eigensinnigen Mann kannte. Der andre Sykophant, wiewohl ein wenig
verdrießlich, dass ihm sein Handwerksgenosse so eilfertig zuvorgekommen war, warf
einen Seitenblick auf den Esel, der ihm ein hübsches wohlgenährtes Tier zu sein
schien, und erklärte sich sogleich mit dem größten Nachdruck für den
Eseltreiber. Beide Parteien wollten nun kein Wort mehr vom Vergleichen hören,
und der ehrliche Philippides sah sich genötigt, einen Rechtstag anzusetzen. Sie
begaben sich nun jeder mit seinem Sykophanten nach Hause; der Esel aber, mit
seinem Schatten als dem Object des Rechtshandels, wurde bis zu Austrag der Sache
in den Marstall gemeiner Stadt Abdera abgeführt.
 
                                Drittes Kapitel
          Wie die Parteien sich höheren Orts um Unterstützung bewerben
Nach dem Stadtrecht der Abderiten wurden alle über Mein und Dein unter den
gemeinen Bürgern entstandne Händel vor einem Gerichte von zwanzig Ehrenmännern
abgetan, welche sich wöchentlich dreimal in der Vorhalle des Tempels der Nemesis
versammelten. Alles wurde, aus billiger Rücksicht auf die Nahrung der
Sykophanten, schriftlich vor diesem Gerichte verhandelt; und weil der Gang der
abderitischen Justiz eine Art von Schneckenlinie beschrieb, und sich auch mit
der Geschwindigkeit der Schnecke fortbewegte; zumal die Sykophanten nicht eher
zum Beschliessen verbunden waren, bis sie nichts mehr zu sagen hatten: so währte
das Libellieren gemeiniglich so lange, als es die Mittel der Parteien
wahrscheinlicher Weise aushalten konnten. Allein diesesmal kamen so viele
besondere Ursachen zusammen, der Sache einen schnellern Schwung zu geben, dass
man sich nicht darüber zu verwundern hat, wenn der Prozess
