 vorstehe, das gemeine
Wesen anzuvertrauen. Indessen zweifelten die Abderiten nicht, dass er sich nun
unter die Mitwerber um ihre vornehmsten Ehrenämter stellen würde. Sie
berechneten schon, wie hoch sie ihm ihre Stimme verkaufen wollten; gaben ihm
eine Tochter, Enkelin, Schwester, Nichte, Base, Schwägerin zur Ehe; überschlugen
die Vorteile, die sie zur Erhaltung dieser oder jener Absicht von seinem Ansehen
ziehen wollten, wenn er einmal Archon oder Priester der Latona sein würde,
u.s.w. Aber Demokritus erklärte sich, dass er weder ein Ratsherr von Abdera, noch
der Ehgemahl eine Abderitin sein wollte, und vereitelte dadurch abermal alle
ihre Anschläge. Nun hoffte man wenigstens durch seinen Umgang in etwas
entschädiget zu werden. Ein Mann, welcher Affen, Krokodile und zahme Drachen von
seinen Reisen mitgebracht hatte, musste eine ungeheure Menge Wunderdinge zu
erzählen haben. Man erwartete, dass er von zwölfellenlangen Riesen und von
sechsdaumenhohen Zwergen, von Menschen mit Hund- und Eselsköpfen, von Meerfrauen
mit grünen Haaren, von weißen Negern, und blauen Centauren sprechen würde. Aber
Demokritus log so wenig, und in der Tat weniger, als ob er nie über den
tracischen Bosporus gekommen wäre.
    Man fragte ihn, ob er im Lande der Garamanten keine Leute ohne Kopf
angetroffen habe, welche die Augen, die Nase und den Mund auf der Brust trügen;
und ein abderitischer Gelehrter (der, ohne jemals aus den Mauern seiner Stadt
gekommen zu sein, sich die Miene gab, als ob kein Winkel des Erdbodens wäre, den
er nicht durchkrochen hätte,) bewies ihm in großer Gesellschaft, dass er entweder
nie in Aetiopien gewesen sei, oder dort notwendig mit den Agriophagen, deren
König nur ein Auge über der Nase hat, mit den Sambern, die allezeit einen Hund
zu ihrem König erwählen, und mit den Artabatiten, die auf allen Vieren gehen,
Bekanntschaft gemacht haben müsse11. Und wofern Sie bis in den äußersten Teil
des abendländischen Aetiopien eingedrungen sind, fuhr der gelehrte Mann fort,
so bin ich gewiss, dass Sie ein Volk ohne Nasen angetroffen haben, und ein
anderes, wo die Leute einen so kleinen Mund führen, dass sie ihre Suppe durch
Strohhalmen einzuschlürfen genötigt sind12.
    Demokritus beteuerte beim Kastor und Pollux, dass er sich nicht erinnere,
diese Ehre gehabt zu haben.
    Wenigstens, sagte jener, haben Sie in Indien Menschen angetroffen, die nur
ein einziges Bein auf die Welt bringen, aber dem ungeachtet wegen der
außerordentlichen Breite ihres Fußes so geschwind auf dem Boden fortrutschen,
dass man ihnen zu Pferde kaum nachkommen kann13. Und was sagten Sie dazu, wie Sie
an der Quelle des Ganges ein Volk antrafen, das ohne alle andre Nahrung vom
bloßen Geruche wilder Äpfel lebt14
