 und kann sich die Dosis so stark geben,
wie sie es nötig hat. -
    Endlich langte die schnellaufgeblühte Schönheit in dem letzten Punkte ihrer
Reife mit schönen, funkelnden roten Backen an. »Sie fallen doch nicht in
Ohnmacht?« sprach Vignali zu Herrmann. »So ein frisches sechzigjähriges Mädchen
reißt hin. Der arme, galante Herrmann! verliebt sich in eine Schminkbüchse!«
    Der arme Herrmann musste noch unendlich mehr dergleichen Höhnereien
ausstehen, und die außerordentliche Geduld, womit er sie ertrug, bewies, dass
Vignali ein großes Vorrecht in seinem Herze haben musste; denn da Lairesse
dazukam und sich ins Spiel mischte, brach seine Empfindlichkeit sogleich los.
Aber wie er sich seiner Torheit schämte, als er mit sich allein war! Seit der
Zeit war an keine Galanterie mehr bei ihm zu gedenken: weiter konnte seine
Eitelkeit nichts von ihm erhalten, als dass er sich die Miene davon gab, sich
vorsichtig nirgends einließ, aber doch beständig den Schein annahm, als wenn er
sich mit einer Menge einlassen wollte oder gar schon eingelassen habe.
    Sonach fehlte nicht viel, dass er in dieser Schule zum Gecken wurde: ein paar
Gran weniger Verstand, so war der Tor fertig. Er lernte in den
Abendgesellschaften und Vignalis Umgange meisterlich persiflieren, von jeder
Sache im verächtlichen, spöttelnden Tone sprechen, feine Unverschämtheit in
Reden und Betragen, eine Dreistigkeit, die fast an die Keckheit grenzte: seine
Ehrbegierde strebte nicht mehr mit Adlerflügen zu großen rühmlichen Handlungen
empor: durch gesellschaftliche Artigkeiten, durch Gefälligkeiten und
Achtsamkeiten zu gefallen war jetzt ihr Ziel. Die Sphäre seiner Ruhmsucht, die
sonst die halbe, wo nicht die ganze Welt umfasste, war jetzt ein kleiner Kreis von
Damen und Herren aus der schönen Welt, und ein gelungenes Kompliment, eine
glückliche Lüge, eine beklatschte artige Bosheit, ein belachter Einfall gab ihm
itzo soviel Entzücken als sonst die edlen Taten der Antonine und aller großen
Männer, mit welchen ihn Schwinger bekannt machte. Gefühl des Großen, Erhabnen,
Begeisternden ertrug seine Seele kaum mehr: sie war nur dem Angenehmen, dem
Reizenden, dem Ergötzenden offen: aus dem stolzen, hochfliegenden Adler war ein
artiger, bunter Kolibri geworden. Freilich leuchtete immer, auch selbst wenn
sich Betragen und Reden dem Geckenhaften näherten, sein großer gesunder Verstand
hervor, und sogar seine Narrheiten hatten eine gewisse Würde, die zu erkennen
gab, dass der Mensch sich bemühte, weniger zu sein, als er sollte und konnte.
Sein gutes Herz gab ihm oft empfindliche Stiche, wenn er einen ehrlichen
Einfältigen zum besten hatte; aber wie sollte er es unterlassen, da es ihm den
Beifall aller einbrachte, die er belustigte? Seine Beurteilung lehrte ihn oft
das Geschmacklose, das Unmoralische eines Einfalls, und
