
        
                               Johann Karl Wezel
                               Hermann und Ulrike
                                     Vorrede
Der Roman ist eine Dichtungsart, die am meisten verachtet und am meisten gelesen
wird, die viele Kenntnisse, lange Arbeit und angestrengte Übersicht eines
weitläuftigen Ganzen erfodert und doch selbst von vielen Kunstverwandten sich
als die Beschäftigung eines Menschen verschreien lassen muss, der nichts Besseres
hervorbringen kann. Ein Teil dieser unbilligen Schätzung entstund aus dem
Vorurteile, dass Werke, wovon die Griechen und Römer keine Muster und worüber
Aristoteles keine Regeln gegeben hat, unmöglich unter die edleren Gattungen der
Dichtkunst gehören könnten: zum Teil wurde sie auch durch die häufigen
Missgeburten veranlasst, die in dieser Gattung erschienen und lange den Ton
darin angaben; denn freilich, eine Menge zusammengestoppelter übertriebner
Situationen zusammenzureihen; gezwungene unnatürliche Charaktere ohne Sitten,
Leben und Menschheit zusammenzustellen und sich plagen, hauen, erwürgen und
niedermetzeln zu lassen: oder einen Helden, der kaum ein Mensch ist, durch die
ganze Welt herumzujagen und ihn Türken und Heiden in die Hände zu spielen, dass
sie ihm als Sklaven das Leben sauer machen; ein verliebtes Mädchen durch
mancherlei Qualen hindurchzuschleppen; Meerwunder von Tugend und schöne
moralische Ungeheuer zu schaffen: ein solches Chaos von verschlungenen,
gehäuften, unwahrscheinlichen Begebenheiten, Charaktere, die nirgends als in
Romanen existierten und existieren konnten, solche Massen ohne Plan, poetische
Haltung und Wahrscheinlichkeit zu erfinden, bedurfte es keines Dichtergenies und
keiner dichterischen Kunst.
    Der Verfasser gegenwärtigen Werkes war beständig der Meinung, dass man diese
Dichtungsart dadurch aus der Verachtung und zur Vollkommenheit bringen könne,
wenn man sie auf der einen Seite der Biographie und auf der andern dem
Lustspiele näherte: so würde die wahre bürgerliche Epopöe entstehen, was
eigentlich der Roman sein soll.
    Das bisher sogenannte Heldengedicht und der Roman unterscheiden sich bloß
durch den Ton der Sprache, der Charaktere und Situationen: alles ist in jenem
poetisch, alles muss in diesem menschlich, alles dort zum Ideale
hinaufgeschraubt, alles hier in der Stimmung des wirklichen Lebens sein. Die
Regeln, die man für jenes gegeben hat, passten auch auf diesen, wenn sie nur
nicht bloß willkürliche Dinge beträfen: aber die wirklichen Regeln, die sich auf
die Natur, das Wesen und den Endzweck einer poetischen Erzählung gründen, sind
beiden gemein: was man bisher zu Regeln des epischen Gedichts machte, ging bloß
die Form und Manier an und waren alle bloß von der Homerischen abgezogen.
    Die bürgerliche Epopöe nimmt durchaus in ihrem erzählenden Teile die Miene
der Geschichte an, beginnt in dem bescheidenen Tone des Geschichtsschreibers,
ohne pomphafte Ankündigung, und erhebt und senkt sich mit ihren Gegenständen:
das Wunderbare, welches sie gebraucht, besteht einzig in der sonderbaren
Zusammenkettung der Begebenheiten, der Bewegungsgründe und Handlungen. In dem
gewöhnlichen Menschenleben, aus welchem, sie ihre Materialien nimmt, nennen wir
