 des Versteckens ihrer Reize nicht. Ihr schöner Wuchs war nicht zu
verbergen, und die edle, holde Art ihres Tanzes gab ihr unendliche Vorzüge. Mit
neunzehn Jahren hatte sie den stärksten Feind ihres moralischen Charakters zu
bekämpfen, weil alsdann die überwiegende Schönheit ihrer jüngeren Schwester in
voller Blühte war, und Julie in der Furcht, die sie hatte, verdunkelt zu werden,
die Keime des Neides entstehen sah, die sie aber mit der Wurzel ausrottete,
indem sie alle ihre Geschicklichkeit in Putzsachen für ihre Schwester
verwendete, deren Schönheit dadurch um so mehr erhöht wurde, und Julie allein
durch die äußerste Nettigkeit, Anstand und einfachen Ton der Farben bezeichnet
war. - Alle Kenntnisse einer guten Hauswirtin und vernünftigen
Gesellschafterinn sind ihr eigen; aber die Grundsätze ihrer Bescheidenheit sind
so stark, dass sie von dem mittelmässigsten Weiberkopfe Lehren anhört, und
überhaupt ihr Wissen nur in hie und da hervorbrechenden Ideen zeigt. Herr von
O** hatte sie oft gesehen, für ziemlich artig, aber auch für sehr eigen
gehalten; und hat erst auf dem Ball, bei der Verheiratung ihrer schönen jüngeren
Schwester, die Reize ihrer Person und ihres Charakters entdeckt. Das Fest war in
dem prächtigen Garten ihres reichen Schwagers. Juliens Kleid und Hut war von
grauem Taffent, mit rosenfarbenen und weißen Flor und Bändern geziert. Alles so
passend gemacht, dass das ganze Ebenmaass ihrer Gestalt bemerkt werden konnte. Bei
den englischen Tänzen wurde sie die Gesellschafterinn des Herrn von O**, dessen
Aug' und Geschmack sie darin ganz fesselte. Reine Fröhlichkeit war in ihren
Zügen, Bewegungen und Blicken. Die feurige Aufmerksamkeit des Herrn von O**
machte Juliens Tante viel Vergnügen, weil sie diese Eroberung dem Liebling ihrer
Seele schon lange gewünscht hatte. Beim Ausruhen saß Julie unter einer Gruppe
der artigsten Mädchen, auf einer Grasbank, und lehnte sich nachlässig an den Fuß
einer Urne. Ihre Stellung war einnehmend schön. Überbleibsel der Munterkeit und
Röte des Tanzens, mit einer Art Müdigkeit vermischt, der niedlichste
Faltenbruch, den jemals ein Gewand machte, von dem schönen Grau und Rosenfarb
auf dem feinen Rasen, ihre wohlgebildete Füße artig gekreuzt, und ihr schöner
Mund lächelnd gegen ihre Freundinnen - In Wahrheit, Mariane, ich war froh,
meinen Freund von R** so viele Meilen weit von uns zu wissen; denn, erschien
Julie von U** mir Mädchen so reizend, wie vielmehr musste sie's in den Augen
eines empfindsamen und feinen Kenners sein! - Madame G** saß an meiner Seite,
gegen der schönen Gruppe über, beobachtete aber ihren Vetter von O**, der halb
hinter einen Baum stehend, Julien mit liebenden und gierigen Blicken
betrachtete, besonders da Julie etwas an die Urne mit einem kleinen Griffel
schrieb. Sie überlas es mit einer nachdenkenden, aber höchst
