, Dörfer, eine
Reihe waldigter Berge, und die große, volkreiche Stadt sehen konnte, in welcher
gewiss eine eben so große Summe moralischen Guten liegt, als mein Auge in dem
weiten Gesichtskreise umher physikalische Wohltaten sah. In der großen
Gesellschaft, die sich hier versammelt hatte, war überhaupt unter den Männern
viel Verstand, und das Frauenzimmer sehr liebenswürdig von Person und Sitten. -
    Die Tage nach diesem war ich nicht ganz so zufrieden, weil ich die traurige
Bemerkung machen musste, dass man so selten Menschen findet, bei denen die Liebe
des Guten und Edlen stark genug ist, dass sie sich in gesellschaftlichen
Unterredungen, mit Vergnügen auf einige Zeit lang bei guten Eigenschaften, edlen
und großen Handlungen ihrer Nebenmenschen verweilten. Wie oft habe ich die
Ermüdung und Langeweile gesehen, die die Stimme der Hochachtung hervorbrachte;
da hingegen der Spötter und Verläumder Aufmerksamkeit und Vergnügen erregte! In
der feinen Welt ist es niedrig und unanständig, von der Tugend eines
Handwerkers, von der Rechtschaffenheit eines Bauern zu reden. Bei Räuber- und
Betrügerhistorien hingegen hält man sich auf; und allein die Klasse der
Künstler, die für den Pracht, die Üppigkeit und die Wollust arbeiten, erhält
noch einige Achtung. - Ich will Ihnen darüber morgen einen launigten Einfall von
dem jungen Mann schreiben, der das Bild des Herrn von G** mahlte. Adieu! meine
Mariane; Adieu, von
                                     Ihrer
                                                                        Rosalia.
 
                           Zwei und dreissigster Brief
Madame G** hat mich Gestern auf ihre eigene Art dazu gebracht, dass ich meinen
Brief an Sie vorzeigte, während der junge Herr von O** noch da war. - Dieser
fand meine Anmerkung zu ernstaft, und fing an, die gesellschaftliche
Gutartigkeit der Menschen zu verteidigen, und zum Beweise anzuführen dass man so
oft ein Frauenzimmer schön nenne, sie liebe und bewundre, ungeachtet man wisse,
dass sie nur künstlich übertüncht wäre. - Dann heiße man jenen fromm, und verehre
ihn als einen gottseligen Mann, weil man ihn fleißig beten sähe, obschon seine
Handlungen auf zehnfache Weise bös und ungerecht wären; wie lange behielten
nicht bloße Schwätzet den Namen vielwissender Leute? u.s.w.
    »Schön, Herr von O**, sehr schön!« sagte Madame G**, »aber Ihr Scherz ist
beissender, als Rosaliens Ernst!« - »In was für einem Tone hätte ich es sagen
sollen, meine Damen? Rosaliens Ernst ist meinem Herzen sehr schätzbar, weil er
das Werkzeug ist, durch welches ihr Charakter so stark und so sittlich wurde;
aber das Leben der besten Menschen würde sehr traurig verfliessen, wenn sie das
Üble immer mit der tiefen Empfindung seiner Schädlichkeit betrachten wollten!
Ich fühle an mir selbst, dass unsere Tugend nur Stückwerk ist, und wir sie
überhaupt nur
