 O, er hat Recht! denn wie oft habe ich dieses schon erfahren!
Aber, mein Freund C** denkt wie ich; nur er wird meine weltliche Obergewalt
sein, und ich also in seinem Hause nach meinem Herzen leben können. Große süße
Hoffnung
                                     Ihrer
                                                                        Rosalia.
 
                           Ein und dreissigster Brief
Eilf Tage, unausgesetzt, von einer Gesellschaft in die andere, ist mir beinahe
unerträglich geworden. Aber, es war der jährliche Kreislauf von Visiten, welchen
die Familie, mit der wir leben, zu Anfang eines jeden Herbstes bei denen macht,
die nur als Bekannte, nicht aber als Freunde angesehen werden. - Mein Oheim fand
dieses Betragen etwas sonderbar, weil er behauptete, dass in elf Familien gewiss
verschiedenes Verdienst wohnte, gegen welches diese Gleichgültigkeit ungerecht
wäre. Madame G** sagte darauf: »Das mögen sich diese Leute gefallen lassen! denn
es geht selbst der ganzen Reihe von Tugenden so; alle sind uns bekannt, aber mit
wenigen sind wir vertraut, indem allezeit diejenigen vernachlässiget werden, die
nicht in den Bund unsers Nutzens und Vergnügens gehören.«
    Sagt nicht diese Frau ganz munter und nett triftige Wahrheiten? Vier dieser
Herbstbesuche waren mir angenehm, weil wir sie in den Landhäusern ablegten, wo
diese vier Familien noch wohnten. Alle haben sehr schöne Gärten, doch zeichnet
sich der von Herrn Sch**, der an dem Ufer des M** liegt, durch seine
vortreffliche Lage und Anbau ganz besonders aus. Dieses Haus zog aber meine
Aufmerksamkeit auch deswegen auf sich, weil ich darin so viel
Übereinstimmendes in Allem fand. Die feinsten Sitten und Bewirtung; der
Hausherr einer der artigsten und belebtesten Männer; die Frau voll der
schätzbarsten Güte des Herzens; ihre Kinder liebenswürdig, mit dem, ganzen
Ausdruck von Empfindung ihres Glücks und des Wohlwollens für alle andre
Menschen. - Besonders aber schien uns allen einer der erwachsenen Söhne das
wahre Bild eines schönen, edlen und sanftmütigen jungen Mannes. Er führte mich
durch alle Teile des Gartens und zeigte mir die Aussichten auf die Gegenden
umher, mit sehr viel wahrer Fühlbarkeit für das Große und Schöne der Natur! Bei
Tische hatte mir Jemand von seinem Hange zur Wohltätigkeit und den Kenntnissen
des Geistes gesprochen. - Ich wünschte ihm diese Stimmung der Seele auf sein
ganzes Leben! Denn da er durch eine große Erbschaft von seinem Oheim vorzüglich
reich wird: so fehlt ihm zum Genuss vollkommener Glückseligkeit dieser Erde
nichts, als die unveränderliche Dauer der edlen, tugendhaften Gesinnungen seines
Herzens. Der heitere Abend gab mir noch etliche selige Augenblicke, da ich, auf
das Geländer der Terasse gestützt, zu meinen Füßen den schiffbaren Fluss; zu
meiner Rechten eine schöne Allee von hohen Bäumen; den Blumengarten; über dem
Wasser vor mir unabsehbare Kornfelder, und zur Linken, Obstgärten
