 Frau erst an
dem Verlöbnistag seiner Schwägerinnen überzeugt. Frau Grafe sagte aber, da ich
ihr den Auftritt beschrieb: Es sei ihr Beweis von dem innern Ehr- und Geldgeiz
des Hrn. Linke; denn wenn er nicht selbst so vielen Wert darauf legte, so würde
er das große Aufheben über die Genügsamkeit seiner Frau nicht gemacht haben. Sie
mag doch unrecht haben; denn wir beurteilen den Nächsten nicht immer allein
nach uns, sondern sehr oft nach andern, und tun ihm um so mehr unrecht.
 
                         Hundert und neunzehnter Brief
                            Rosalia an Mariane S**.
Ich sagte es Klebergen gleich, dass Sie gewiss mit der Einteilung unserer Tage
nicht ganz zufrieden sein würden; ob Sie schon versichert wären, dass selbst
unser Scherz immer das Gepräge der Güte des Herzens und eines feinen Verstandes
tragen würden: so möchten Sie doch eine etwas ernsthafte Beschäftigung unsers
Kopfs mit untergemischt sehen. Das geschieht auch, meine Beste! nur ist es nicht
so allgemein für alle, weil Berufsgeist und Geschäfte, so wie Umstände und
Erziehungsgewohnheiten, wenn ich so sagen kann, natürlicher Weise darin
verschiedene Wirkungen machen. Zum Beweis, Weltgeschichte und Bemerkungen über
Höfe, über große Handlungszweige, Krieg, Frieden, und alle in die große
Menschenhaushaltung gehörige Dinge werden von meinem Onkel, von Kleberg, Ott und
den Fremden auf allen Seiten gefasst, beurteilt, gelobt und getadelt, auch
Vermutungen geäußert; daher liegen immer große Folianten von Landcharten in
unserm Ansprechzimmer, in welchen bei Zeitungen und Briefen nachgesucht wird.
Mein Mann war bei Gesandschaften. Mein Oheim ist geheimer Rat eines großen
Fürsten. Ott hat viele Reisen gemacht. Sie besitzen alle einen Teil
Gelehrsamkeit: daher kommt das begierige Wesen, mit dem sie sich an den
politischen und gelehrten Zeitungstagen aufsuchen, wodurch auch unser sonst so
sanfter und meist nur auf Empfindungen lauschender Latten auch angezogen wird.
Die Zusammenkunft ist zu meiner größten Freude bei uns, weil die edlen jungen
Männer alle so viele Achtung für meinen alten Oheim haben, und zu ihm kommen. Da
sitze ich mit meiner Arbeit, und höre, was Menschen tun, und wie Menschen die
Handlungen der andern teils nach vorgeschriebenen, teils nach willkührlichen
Maßregeln beurteilen. Die Artickel der Naturgeschichte, der schönen Künste und
der Moral werden bei van Guden gelesen, die Kupferstiche, Gipsabdrücke,
Gartenbaukunst, neue mechanische Erfindungen, die Verordnungen zum Besten des
Volks, und edle Taten; alles dieses kommt bei ihr vor, und macht schöne Tage
für meinen Geist. Zu den städtischen und landwirtschaftlichen Sachen werden
Linke und die beiden Stiegen gerufen, weil der erste Stadtschreiber und die zwei
andern Besitzer von Landgütern und Landbeamte sind. So wie mein Oheim zum
Durchlesen eines jeden neuen Bandes von der unserm Deutschland so viel Ehre und
Nutzen schaffenden
