 hinaus zu sehen.
Ein fester und unwandelbarer Gang der wahren edlen Menschheit führt zum Glück
der Weisen. Schwärmerei tut es nicht.
 
                           Hundert und dritter Brief
                                 Von Rosalien.
O Mariane! es gibt keine dauernde Glückseligkeit, nein, es gibt keine! Wir
mögen es machen wie wir wollen; besonders wenn Weh und Freude unsers Lebens an
die Gesinnungen eines andern Menschen gebunden sind.
    Hören sie, Liebe, aber nur sie allein von allen Menschen der Erde; denn mein
Oheim darf von diesem nichts wissen. Kleberg, der mir um alle des eigenen
Sonderbaren willen so wert, so vorzüglich wurde, dem ich tausend Liebhaber
aufgeopfert hätte, den ich edler als andre Männer glaubte, nicht vermutete, dass
jemals eine große oder kleine Koquette etwas für ihn sein könnte, ist selbst
Koquet. Ich finde kein Wort im Deutschen um dies so eigentlich auszudrücken was
man unter Koquet versteht, und so lassen sie es da sein, Er ist es; schon die
ersten vierzehn Tage, da wir Lesestunden hielten, fing ich an es zu bemerken
verwarf aber diese Idee, als Träumerei von meiner auch eigenen Art Sachen und
Leute zu beurteilen. Aber, es nahm zu, und nun hier auf dem Lande ist es allen
sichtbar; so, dass Julie, Ort, Linke und mein wertes Hannchen Itten ihr Staunen
und Bedauern zeigen. Ich tue nicht, als ob ich etwas sähe, ich habe sogleich
mit Vergnügen eingewilligt als er die zweite Badische Tochter, auch neben
Hannchen mit hierher nehmen wollte, da er ihre Naivetät außerordentlich zu
schätzen anfing, (und sie ist es nicht; listig ist sie; aber eine schöne, aber
eine sehr schöne Blondine, also auch in diesem sehr von Rosalien verschieden, so
wie sie auch kleiner ist, niedlichere Knochen hat und mit süsseren Augen, so
ganz empfindsam tun kann.)
    Sie pries mich immer so glücklich, den schönen artigen Mann zu haben, der
noch nach seiner Heirat so gallant wäre, wie ein Liebhaber; sie merkte sich
alle Redensarten von Kleberg; gewöhnte sich am ersten alles an, was er im
Bezeigen, Ton und Wesen eines Frauenzimmrs lobte; wenn er vorlas und die andern
Mädchen alle arbeiteten, so ging sie hinter seinen Stuhl, und sah ihm über seine
Achsel so gierig in die Augen und nach dem Munde, dass er es selbst beobachtete
und sie neben sich sitzen hieß, wo er ihr aber immer mit seinen Blicken seine
Vorlesungen zueignete. Hierauf putzte sie sich mehr auf die Lesetage, wurde
traurig und schmachtend, wenn er nicht mit ihr sprach; munter und stolz, wenn er
ihr vorzügliche Aufmerksamkeit zeigte; begehrte von mir die Stücke auf dem
Klavier zu lernen, die ihm am besten gefielen. Ich tat
