
    Ich glaube Ihre Absicht erraten zu haben. Diese Frauenzimmer werden von der
Vorstellung des wenigen Vermögens gedrückt, und leiden in ihrem Gemüte. Sie
mochten dieses heben, und vermuten in meiner Einbildungskraft ein Hilfsmittel
zu finden; denn Sie sagten mir ausdrücklich dass Sie nichts als geistige
Handreichung haben wollten. Vergessen Sie nicht mein Kind, dass alles, was der
Reiche und Glückliche dem Armen und Leidenden nur als Rat und Trost sagt, sehr
wenig Wirkung hat; ausgenommen das Bezeigen persönlicher Achtung, weil dieses
der natürlichen Eigenliebe gefällig ist - Die Königin Christine sagte ganz
richtig: »Eine edle Seele adelt alles, was sie ist, und was sie tut; den
Gebrauch des Reichtums und das Ertragen des Mangels.« - Wenn man bei geringen
Umständen den Mut hat, sich zu sagen: Wir brauchen Nahrung und Kleider, unsern
Körper zu erhalten und zu decken; die Bedürfnisse der Natur sind mit wenig
Speisen und Gewand befriedigt; und da mir das Schicksal Menge und Kostbarkeiten
versagt: so will ich mit dem genauen Notwendigen vergnügt sein, und meine
Begierde nach Besitz eines Mehreren auf die Seite wenden, wo es in meiner Gewalt
ist, es zu erlangen. - Tugenden des Herzens, Aufklärung des Geistes,
Geschicklichkeit in Arbeiten, Liebenswürdigkeit des Gemüts, Reinigkeit und
Würde meiner Sitten, Artigkeit meines Umgangs, nette und bescheidene Zierde
meiner Person, - all dies ist mitten in den geringen Umständen, worin ich mich
finde, zu erlangen und auszuüben. Der Reichere uns Vornehmere als ich, mag sich
aller Gattung von Aufwand überlassen; Kaufmann, Künstler und Handwerker leben
davon. Vorurteile haben auf das äußerliche Ansehen Wert und Unwert gelegt.
Aber ein fester unabgeänderter Gang auf dem Wege der Verdienste und
Bescheidenheit, erwerben die Achtung der edelsten Seelen und ihre Freundschaft.
Dies, mein Kind, wäre die Sprache meines Muts, und dieser Ton würde den
Ausdruck meines Charakters und meiner Physiognomie sein. Der Anblick des
Prächtigen und Reichen würde mich nicht kränken und nicht demütigen, Ich
zeichnete mir einen eigenen Zirkel. In diesem erschiene keine Klage, keine
düstere Miene. Nützliche, ehrenvolle Verwendung jedes Augenblicks meiner Tage;
Fleiß auf schöne Arbeiten, die ich dann gegen Notwendiges, ohne viel
ängstliches Wählen umtauschte; alle meine Begierden auf das äußerste
beschränkte, und mich in der Wahl meiner Freunde doppelt sorgfältig zeigte.
Daneben aber müsste mir jedes moralische Verdienst eigen werden, das mich
entweder einsam wegen des Mangels auserlesener Gesellschaft schadlos halten,
oder mich in dieselbe einführen würde. -
    Meine Sitten, Gebärden, Unterredungen und Beschäftigungen, müssten beständige
Beweise meiner Erziehung und meines Standes sein, so wie auch die Form meiner
Kleidung, mein Geschmack und Bezeigen. Nur der einfache Stoff, die sanften,
stillen Farben, und
