
 
                           Ein und sechszigster Brief
Frau van Guden blieb dabei, mir nicht mehr als zween Tage der Woche zu geben;
und ich bleibe dabei, sie auf die Probe zu stellen, wie sie sich einst in meiner
Stelle, als Frau des Herrn Kleberg, und jetzo an dem Platz zweier
unverheirateten Freundinnen meiner lieben Julie Otte, betragen würde? Sie muss
bei dieser Gelegenheit wirklich aus sich selbst heraus gehen, weil sowohl die
Umstände, in denen ich mich befinden werde, als auch die von den vier guten
Mädchen, ihr weder den willkührlichen Gang ihres Denkens, noch die Freiheit
ihres Tons und ihrer Handlungen erlauben. Und da wäre es ja möglich, dass sie zu
der Art Leuten gehörte, die in einem großen unbeschränkten Felde, mutige, edle
Schritte und Bewegungen machen, in einem kleinen umzäunten Höfchen oder engen
Zimmerchen aber, so gezwungene kleine Tritte, Beugung des Kopfs, und
Übereinanderschlagen der Arme vornehmen, dass Jedermann das Unschickliche oder
Unangenehme davon in die Augen fallen müsste. Es ist mir beinah auch mehr daran
gelegen, was sie für die vier guten Geschöpfe ersinnen wird, als was mich
angeht; denn an meinem jetzigen Sein und Wesen könnte und möchte ich nichts
ändern. Der Himmel weiß, ob ich Klebergen jemals wieder sehe, oder ob er mein
bleiben wird? Ich war freilich seine erste Liebe, wie er die meinige ist: aber
seine Reisen, sein Platz als Gesandtschafts-Sekretair, müssen ihm hundert
Gelegenheiten gegeben haben, liebenswürdige Frauenzimmer kennen zu lernen. Kann
ich fodern, kann ich hoffen, dass mein Andenken, dass die Gesinnungen, die er für
mich hatte, immer gleich wachsam für mein Glück, bald der überraschenden Gewalt
einer neuen Schönheit, bald dem sanften Einnehmen der stillen Anmut, oder den
Reizen des Geistes, der Tugend und Talente, Widerstand tun werden? - O Mariane!
ich schreibe selten von Kleberg, rede gar nicht von ihm. Aber denken; seine
Briefe an meinen Oheim, an mich, zehnmal lesen; ausspähen, ob nicht eine kleine
Anzeige von Änderung oder Frost darinnen sei, wie eifrig geschieht das! Auch
suche ich mit Sorgfalt die Spuren seines Geschmacks auf, und bitte meinen
väterlichen Freund um Bücher, oder Unterricht darüber, damit der arme Kleberg
nicht einst alles entbehren müsse, was er jetzt in auswärtigen Gesellschaften
mit so vielem Vergnügen genießt. Mein Oheim hat mich darin aufmerksam gemacht;
denn die außerordentliche Unwissenheit seiner Frau, mit welcher er niemals etwas
Vernünftiges, das ihn freute, sprechen konnte, da sie an seinem Wissen und an
Sachen, die ihn ganz beschäftigen, nicht den geringsten Anteil nahm, hatte ihn
aus seinem Hause gejagt und herum schwärmen gemacht; worüber sie zürnte und sich
grämte, dadurch aber auch
