 denn außerhalb ist keine Spanne breit Platz gegen den jähen Abhang des
Felsens. Vom ersten Stockwerk geht aus dem Hauptzimmer wieder ein Balcon heraus,
der an sich die Decke dieses unteren großen Saals ausmacht. Alle die schöne und
große Aussicht von hier ist aber für den liebenswürdigen Besitzer verloren! Die
Zimmer sind alle mit Geschmack eingerichtet; aber nirgend kein Gemälde;
hingegen in allen schöne Abgüsse der besten Statuen, Brustbilder und Vasen der
alten Zeiten, und alles Gerät und alle Verzierungen von den schönsten und
mannigfaltigsten Formen, weil der gute Herr Kahn den Begriff und das Vergnügen
von Ehenmaass und anmutiger Gestalt allein durch das feine Gefühl seiner Finger
erhält. Die große Ordnung und Reinlichkeit in allem, Unterhaltung und Versorge
ist die Arbeit seiner Lioba. Er hat zwei große Zimmer, worin lauter Modelle von
hunderterlei Sachen und Erfindungen sind, die er sich kommen lässt, untersucht,
vergleicht, beurteilt, und über die Beschreibung ihres Nutzens oder ihrer
Schönheit mit vielem Geiste spricht. Von Pflanzen hat er eine große Kenntnis,
aber Sie können nicht glauben, wie viel ich dabei litte, als ihm ein ganzer Korb
voll Blumen, Gemüse Baumblätter und kleine Zweige gebracht wurden, die er
aussuchte und mit unendlicher Feinheit befühlte, nannte, und auf einem großen
Tisch in Linien nach der richtigsten Ordnung legte. Er besorgte die Blumentöpfe,
die unter den Spiegeln stehen, und ich versichre Sie, dass er sie in einer sehr
reizenden symmetrischen Vermischung aufstellt; die Blätter und Köpfe der Blumen
so artig wendet, als je ein Frauenzimmer ein Bouquet an ihrem Busen, oder ihrem
Kopfe, mit Grazie und Leichtigkeit anbringen könnte!
    Bei diesen Statuen und Vasen war ich glücklich. Sie wissen, dass ich
Winkelmanns Geschichte der Kunst mit so viel Eifer gelesen habe, und immer den
Wunsch hatte, einige der großen Meisterstücke der Bildhauerei zu sehen. Ott
hatte bei verschiedenen Anlässen diesen herrschenden Geschmack bei mir bemerkt.
Er wusste auch, dass sein Freund Kahn vorzüglich die Annehmlichkeiten der Formen
liebte. Wir waren des Rachmittags zum Evffeetrinken in dem Garten, wo in einem
schönen runden Tempel die Statue der mediceischen Venus steht, und in der Nähe
dieses Tempels verschiedene Urnen nahe an Grasbänken ausgeteilt sind. Ott
erblickte eine davon die ihn an diejenige erinnerte, auf welche Julie, auf der
Hochzeit ihrer Schwester, die rührende Aufschrift gemacht, und sein Herz erobert
hatte. Diese Erinnerung kam so lebhaft in sein Herz zurück, dass er mit großer
Zärtlichkeit seine Julie rief, an die Urne führte, um diese einen Arm, und den
andern um seine Frau schlang: »Julie! Sieh, dieser Aschentrug gleicht dem, bei
welchem ich Deine schöne Seele ganz kennen lernte!« - Hier drückte er Julien an
sein Herz und küsste die
