
mit andern, in der Gesellschaft eines Mannes befindet, dessen vorzügliche
Verdienste des Geistes und der Denkungsart allen, und auch ihr die Begierde
einflößte, seinen Beifall zu erhalten, und wo sie, um den Andern nicht im Weg
ihres Vergnügens und ihrer Bemühungen zu stehen, die Wünsche ihres edlen
Ehrgeitzes aufopfert, schweigt und zurücktritt, um andre genießen und schimmern
zu lassen: da wird ihr Lohn misskannt und sie selbst ganz unrecht beurteilt. Es
hat sie tief, sehr tief verwundet, und zu dem Entschlusse gebracht, auf immer
verhüllt zu bleiben, und sich ganz aller Gesellschaft zu entziehen. - Ich aber
bin auf dem Vorsatz gekommen, die äußerlichen Kennzeichen nicht als richtige
Maassstäbe des Geistes und Herzens anzunehmen! - Madame G** erschien hier im
schönsten Lichte, in welchem jemals die weibliche Freundschaft stehen kann; da
sie mir das Ganze von dem Charakter ihrer Freundin schilderte. Ihr Mann, und
von Ott, waren als Ankläger da, von denen ihr auf einer Seite der freundliche
und verbindliche Ton vorgeworfen wurde, den sie zu der Zeit, da sie in
Gesellschaft ging, gegen die Meisten hatte, und dann wurde ihr, auf der andern,
ihr Einschliessen und Zurückhalten geradaus mit den Erstern, als Begierde zu
gefallen und Leute an sich zu ziehen, verwiesen.
    »O, ihr Männer!« sagte Frau G**, »wie ungerecht werfet ihr das Beste unter
das Schlechteste! Hundert Weiber dürfen ungescheut den Kopfputz von dieser, das
Band jener, den Zeug hier; die Schleiffe da, in einem Zirkel bewundern, loben,
entzückt darüber scheinen: und meine D**, welche bei Erblickung einer guten
Eigenschaft des Geistes oder Herzens, ein eben so großes Vergnügen fühlt, als
andre bei Moden und Putz, sie darf nicht sagen: Es freut mich, diese
achtungswürdige Eigenschaft an Ihnen zu sehen? Auch hat sie Unrecht, meine
Freundin, sie har Unrecht, zu glauben, dass es viele Menschen gäbe, denen der
Beifall für ihre moralischen Bemühungen angenehm sein kann.«
    Herr G** sagte, Madame D** hätte ihren Beifall und Achtung oft über das Maas
der Verdienste zugemessen, und gleichsam verschwendet!
    »So, meine Herren! Ihr habt also allein Recht, wenn Heut Euer Auge durch
einen schönen Fuß angezogen, Ihr darüber alle andere Mängel der übrigen Figur
vergesst und beschönigt! Morgen die helle Gesichtsfarbe einer andern Euch locken
lasst, und immer diesen einzelnen Reizen die volle Summe Eurer Zärtlichkeit gebt,
was für Fehler das Ganze auch haben mag! Meine Freundin, die nach moralischer
Liebenswürdigkeit umher sieht, und sich freut, den edlen Gang einer Seele, den
Ton des Verstandes, die Güte des Herzens zu bemerken, und die Person, welche
Eine oder Andres davon hat,
