 sonst in keinem Dichter so viel schöne
Gemälde, so viel menschliche Empfindung, die aus dem besten Herzen strömt,
antreffen! Ein andrer Offizier hat mir auch andre Bücher geliehen, die mir
weniger gefallen. Besonders ein gewisser Versuch in Schäfergedichten; ich hab
ihm aber das Buch gleich wieder zurückgegeben, weil es so sehr anstößig ist,
und viel mutwillige Stellen und Zweideutigkeiten enthält. Ich kann nicht
begreifen, was ein Mensch für Absichten haben kann, der solche Dinge schreibt?
Will er uns die Unschuld als etwas gleichgültiges abschildern, und uns
Ausschweifungen als etwas schönes anpreisen? Pfuy, er wird doch nicht glauben,
dass wirs seinen Schäferinnen, nachmachen sollen, oder dass uns solche
Zweideutigkeiten angenehm sein werden? Wenn er nichts bessers schreiben kann, so
such er nicht, noch unverdorbene und reine Gemüter anzustecken! So ein Mensch
ist ein Feind von unserm Geschlecht, und von aller Rechtschaffenheit. Klopstock
und Kleist haben mich gelehrt, dass man das Gemüt auf das angenehmste
beschäftigen kann, ohne es zu verderben. Ein Dichter muss ein guter Mann sein,
sonst ist er ein schädlicher Mensch. u.s.w.
    Siegwart hörte nun auch die ersten Regeln der Dichtkunst und der Redekunst,
aber zu allem Unglück beim P. Hyacint. Die Regeln dieser beiden Wissenschaften
sind überhaupt für den, der eigne Kraft hat, drin zu arbeiten, das, was einem
erwachsnen Mann ein Gängelband ist; Aber Hyacint trug sie noch dabei so
erbärmlich und abschröckend vor, dass, wenn Siegwart die Dichtkunst, und auch in
etwas die Redekunst nicht schon vorher gekannt hätte, er sich nun gewiss nie drum
bekümmert haben würde. Regeln werden einen nie, weder zum Redner noch zum
Dichter machen. Alles also, was man in den Schulen tun kann, wäre, dass man
junge Leute frühzeitig mit den besten Mustern der Redner und Dichter bekannt,
ihnen sie verständlich, und sie auf versteckte, oder Hauptschönheiten aufmerksam
machte. Aber dafür trägt man lieber Recepte zu elenden und unnatürlichen Chrien
vor; und lehrt, wie ein Deutscher elende lateinische Verse machen soll?
Abgeschmaktere und widersinnischere Erziehungsregeln kann wohl kaum ein
Phantasirender in der hitzigsten Krankheit träumen!
    Im Junius wurden die Rollen zu dem Schuldrama ausgeteilt, das im August, am
Ende des Schuljahrs sollte aufgeführt werden. Das Stück war biblisch, und
enthielt die Geschichte der Atalia. Siegwart bekam die Rolle des Joas; Kronhelm
sollte den Hohenpriester Jojada und Grünbach die Atalia machen. Sie kamen nun
täglich zusammen, und spielten ihre Rollen. Siegwart machte die seinige
besonders sehr natürlich. Als das Schauspiel aufgeführt wurde, erhielt er auch
den größten Beifall, zumal da er in dem Zwischenspiel, das ein Singspiel war,
auch eine Hauptrolle hatte, und sehr vorzüglich sang
