 gefällig, mitleidig und gutherzig, beleidigte kein Kind, und,
beleidigt, war er nie geneigt, sich zu rächen; kurz, er war aller guten
Eigenschaften fähig, zu denen nicht notwendig Stärke des Geistes erfordert wird.
Wenn es wahr ist, dass durch die Poesie das Herz ihrer Liebhaber weich wird, so
war sie es vermutlich, die sein Gemüt so breiweich gemacht hatte, dass es einer
herzhaften Tat oder einer kraftvollen Entschließung sowenig im guten als im
bösen fähig war. Seine lebhafteste Empfindung war immer die Begierde, seine
Gedichte, und besonders vom Frauenzimmer gelobt zu sehen. Dieser Absicht wegen
war sein Kleid immer nach der neuesten Mode geschnitten, sein seidner Strumpf
milchweiss und seine Spitzenmanschetten kaffeebraun gewaschen, dieser Absicht
wegen sagte er zuerst seinen Nachbarn und Nachbarinnen verbindliche Dinge vor,
war gefällig, nachgebend, kam jedermann mit Höflichkeit zuvor und pries mit
gleicher Behendigkeit bei den modischen Schönen das Putzwerk, bei den
Tugendhaften die Tugend und bei den Witzigen den Witz. War er aber gleichwohl so
unglücklich, seine Absicht nicht zu erlangen, so war er viel zu bescheiden, um
jemand anders als den stillen Wänden sein Leid zu klagen, und viel zu gutherzig,
um diejenigen, denen seine Gedichte nicht gefielen, zu hassen. Sobald er nur
wirklich merkte, dass jemand seine Gedichte beschwerlich waren, so drang er sie
ihm nie auf. Wenn er daher zur Last fiel, geschah es sicherlich ohne sein
Wissen; denn seine Absicht war allemal, Vergnügen und Zufriedenheit, die er in
so großem Masse in sich selbst fand, durch seine Gedichte auch um sich herum zu
verbreiten.
 
                               Vierter Abschnitt
Ein Kenner der Verdienste des schönen Geschlechts, so wie Säugling, musste
Marianen unter den übrigen im Hause vorhandenen Frauenzimmern sehr bald
vorteilhaft unterscheiden, zumal da sie, gleich ihrer Mutter Wilhelmine, bei
schwarzen Haaren die schönsten hellblauen Augen hatte. Es war keine von den
andern weiblichen Personen mit ihr nur in Vergleichung zu stellen, denn die Frau
von Hohenauf hatte große graue Augen mit langhaarigten Augenbramen; das
Kammermädchen besaß ein Paar flachgeschljetzte Augen, aus deren Winkeln beständig
ein Paar matte rotgelbe Augäpfel liebäugelten; die beiden Fräulein waren noch
allzu jung, und die übrigen weiblichen Geschöpfe waren unter der Notiz eines
feinen Mannes wie Säugling. Hierzu kam, dass bei der ersten Unterredung Mariane
untrügliche Kennzeichen ihres guten Geschmacks merken ließ, wodurch Säugling
Herz bekam, ihr ein Gedicht vorzulesen, welches Mariane mit so großem Beifalle
anhörte und dessen Schönheiten so fein hervorzusuchen wusste, dass unser Männchen
vor Entzücken außer sich war.
    Dies veranlasste eine nähere Bekanntschaft, in der Säugling bald Marianens
vor der Frau von Hohenauf bisher so geheimgehaltene Bibliothek von guten
deutschen Büchern entdeckte. Er erstaunte nicht wenig, eine Französin so
aufmerksam auf die
