 Reimarus' »Natürlicher Religion« verdränget.
    Hieraus ist leicht abzunehmen, dass anstatt der gebotenen französischen sehr
oft die verbotene deutsche Lektur insgeheim werde überhandgenommen haben.
Mariane besaß viel zuwenig monde, um einzusehen, dass jungen deutschen Damen die
deutsche Sprache ganz unnötig ist. Sie hatte noch keinen Begriff davon, dass man,
um standesmässig zu leben, in seinem eigenen Vaterlande fremde werden müsse. Wie
konnte es auch anders sein? Die große Welt kannte sie sowenig als die jungen
Fräulein, welche sie unterrichten sollte; sie glaubte treuherzigerweise, man
lebe nur, um selbst besser zu werden und um andere Menschen glücklicher zu
machen. In solchen spiessbürgerlichen Grillen wollte sie auch ihre Fräulein
erziehen; daher war der Schaden eben so groß nicht, wenn sie auch Deutsch mit
denselben las, indem sie doch die französische Lektur nicht avec gout zu wählen
wusste. Sie las lieber »L'ami de ceux qui n'en ont point« als »Les égaréments de
l'esprit et du coeur« und lieber »Memnon, histoire orientale« als die »Lettres
de Ninon Lenclos« oder den »Almanach de toilette«. Mit diesem Geschmacke stimmte
der Geschmack der jungen Fräulein nur allzusehr überein; denn wenn diese im
»Mercure de France« blätterten, so überschlugen sie meistens alle pièces
fugitives, chansons, énigmes, logogriphes und présentations und verweilten sich
bei einem »Konte moral« von Marmontel oder la Dixmerie, die damals einzeln im
»Mercure« zu erscheinen pflegten, oder suchten einen zuweilen eingerückten trait
de bienfaisance auf.
    In diesem allen fand sich noch sehr wenig du bon ton, welches doch die
Hauptsache war, wozu die Frau von Hohenauf ihre Fräulein wollte angeführt
wissen. Es ist also leicht zu erachten, dass sie mit einer so bürgerlichen
Erziehung schwerlich zufrieden sein konnte. Schon in den ersten vier Wochen
schien es beinahe, dass sie ihre neue französische Mamsell sehr bald wieder
abschaffen würde, denn sie gab derselben bei aller Gelegenheit bittere Verweise
und tadelte alle ihre Anordnungen. Die Fräulein schienen ihr blöder, seit sie
bei Marianen waren, hatten gar keine bonne grace, hatten gar keinen esprit,
antworteten zu langsam und zu kurz, wenn man sie fragte; ungefragt plauderten
sie sehr selten, wussten ihre Reverenz nicht abzumessen und beugten die Knie tief
gegen einen Verwalter oder homme d'affaires, wo ein Kopfneigen oder ein
nachlässiger Knicks im Vorbeigehen hinlänglich gewesen wäre.
    Außer andern Erfordernissen, die Marianen mangelten, um eine gute
französische Mamsell zu sein, fehlte es ihr freilich auch an der den
französischen Hofmeisterinnen so gewöhnlichen Politik, allen Leidenschaften der
hochadeligen Mutter zu schmeicheln, alles dreifach zu loben, was die Mutter an
den Kindern lobt, ihren eignen oder fremden Witz die Kinder
