 mit Nachsicht
begegnen, ihnen niemals befehlen, noch weniger gegen sie strenge oder
unfreundlich sein, wenn sie auch ein wenig Lebhaftigkeit zeigen, denn Jugend hat
keine Tugend. Es ist genug, wenn sie nur die décence und ihre Geburt nie
vergessen. Nächstdem kann Sie ihnen oft gute französische Bücher geben, dass sich
der Geist aufklärt. Wir lassen deshalb monatlich den Mercure de France kommen,
darin stehen die neuesten énigmes und logogriphes, wie sie am Hofe zu Versailles
eben gänge und gäbe sind; auch schöne poésies fugitives, darüber müssen die
Fräulein urteilen lernen, damit sie, wenn künftig ihr amant ihnen ein Madrigal à
Silvie mit einem galanten envoy zusenden wird, die finesse davon einsehen und
mit esprit antworten können. Auch sind im Mercure Nachrichten von den neuesten
opéras comiques und von den neuesten almanachs, modes und chansons, dadurch
lernen sie loben, was jetzt in Paris du bon ton ist. Hauptsächlich aber muss Sie
gute Romanen mit ihnen lesen, als Hippolyte Komte de Douglas, die Mémoires d'une
dame de qualité qui ne s'est point retirée du monde, die Lettres d'une
réligieuse portugaise und so weiter, damit die Fräulein beizeiten lernen, wie
eine affaire de coeur geführt wird, und damit sie die grace plus belle que la
beauté sich eigen machen, durch die unser Geschlecht über das männliche einen so
sichern Sieg zu erhalten weiß.«
    Hier minaudierte sie aus dem rechten Augenwinkel, in Ermanglung einer andern
Mannsperson, auf ihren Gemahl, der, dadurch beherzt gemacht, sein Wort auch
dazugeben wollte und sagte: »Imgleichen Gellerts Fabeln könnten auch wohl mit
den Kindern gelesen werden.«
    »Ja«, versetzte die gnädige Frau mit trübem Blicke und etwas gerümpfter
Nase, »Gellerts Fabeln gehen allenfalls an, aber andere deutsche Bücher müssen
die Fräulein nicht lesen, denn das deutsche Zeug nützt ihnen nichts, wenn sie
nach Hofe kommen. Picard, mein homme de chambre, sagt immer, es ist kein brin
von bon ton darin, und das ist auch wirklich wahr. Es klingt alles so deutsch,
wahrhaftig, ich bekomme vapeurs, wenn ich nur die gotischen Buchstaben sehe.«
    Marianen war alles, was ihr gesagt ward, so unerhört, dass sie sich dünkte in
einer ganz neuen Welt zu sein. Sie verstand von dieser Rede nicht den dritten
Teil, zumal da sie von einer etwas stämmigen deutschen Dame in dem nachlässigen
Tone einer Petite-maîtresse dahingelallt ward, versprach aber doch mehrere
Gelehrigkeit, als sie sich vorderhand noch selbst zutraute. Ebenso hörte sie,
ohne ein Wort dawider einzuwenden, die Anordnung ihres häuslichen Lebens an. Man
sagte ihr nämlich, dass sie in Nebenstunden für die gnädige Frau und die beiden
Fräulein Putz machen
