
vorgezogen worden.«
    Mariane nahm also einen französischen Namen an (ob in en oder in ère oder in
on oder in ac, haben wir nicht eigentlich erfahren können) und reiste mit
demselben und einem Empfehlungsschreiben des Hieronymus versehen nach dem Gute
der Frau von Hohenauf, welches sechzehn Meilen von der fürstlichen Residenzstadt
entlegen war.
 
                                  Zweites Buch
                                Erster Abschnitt
Sebaldus hatte seine Mobilien größtenteils verkauft und das daraus gelösete
wenige Geld Marianen zur nötigen Einrichtung mitgegeben. Er hatte sich in den
Zustand jenes Philosophen versetzt, dass er alles das Seinige bei sich tragen
konnte. Nunmehr bestand er darauf, auf irgendeine Art und wo möglich außer der
Stadt, in der seine Feinde wohnten, selbst seinen Unterhalt zu verdienen.
    Nach einiger Überlegung nahm ihn Hieronymus mit sich, als er nach Leipzig
zur Messe reiste, wo er ihm bald bei einigen großen Buchdruckereien die Stelle
eines Korrektors verschafte. Sebaldus mietete eine kleine Dachstube im sechsten
Stockwerke und war, obwohl bei dürftigem Auskommen, überaus vergnügt mit seinem
Zustande, weil er nur ein Drittel des Tages mit Korrekturen zu tun hatte und die
übrige Zeit auf seine apokalyptische Erklärung wenden konnte, die ihm wie ein
alter Freund in seinen Widerwärtigkeiten nur noch lieber geworden war.
    Ob übrigens Sebaldus zuerst den Herrn Doktor Ernesti oder den Herrn Doktor
Crusius besucht habe, wissen wir nicht. Vielleicht hat er bedacht, dass ein armer
Korrektor nicht so leicht zu einem vertraulichen Umgange mit solchen Männern
gelange und dass es unnütz sei, einen Gelehrten auf eine halbe Viertelstunde zu
besuchen, um sein Gesicht zu begaffen, und ist also gar zu Hause geblieben. Ob
er jemals Professor Gellerts moralischen Vorlesungen beigewohnt oder jemals mit
Magister Froriep über die symbolischen Bücher oder über die Nunnation der
arabischen Nennwörter disputiert habe, lässt sich auch so genau nicht sagen. Ob
er in der Nikolaikirche des in Leipzig und dessen sämtlichen Vorstädten
berühmten Magisters Mattesius salbungsvolle Predigten wider die Schaubühne mit
angehört oder ob er zu ebender Zeit, da sie gehalten wurden, im Kuchengarten des
ebenso weit berühmten Händels5 von Butter triefende Maulschellen und Wetzsteine
verzehrt habe, darüber sind gar keine Nachrichten vorhanden.
    Es haben sehr ernsthafte Gelehrte behauptet, dass die Wahrheit das Wesen der
Geschichte sei. Wir sind weit entfernt, Männern, welche scharf demonstrierte
Theorien der Geschichte zusammensetzen können, zu widersprechen; nur unterstehen
wir uns, zu mutmaßen, ob man gleich in der Geschichte lauter wahre Begebenheiten
erzählen soll, so könne doch der größte Teil derselben füglich unerzählt
bleiben. Es sind fünfzigtausend Bände voll Wahrheit über die Geschichte
Deutschlands zusammengetragen worden, so dass der schon ein Geschichtskundiger
heißt, der nur den fünfzigsten Teil dieser Wahrheiten gelesen hat. Dieser
Überfluss von Wahrheit hat manchen braven Deutschen zu dem angenehmen Lügner
Voltaire geführet, der uns ein halbes Jahrhundert in wenigen
