, nachdem zu seinem Erstaunen
Mariane gleichsam verschwunden war, rechnete zwar einigermaßen auf den alten
Säugling; weil aber der Aufenthalt bei demselben, besonders im Winter, für
seinen unruhigen Geist viel zu einförmig war, so machte er Bekanntschaft mit dem
Herrn von Haberwald, einem benachbarten Edelmanne. Dieser war, so wie Rambold,
ein Liebhaber des Trunks, des Spiels und der Jagd und hielt, so wie jener, eben
nicht auf die strengste Sittenlehre, daher durch diese Gleichheit der Neigungen
die Freundschaft sehr bald so heiß ward, dass der Herr von Haberwald nicht einen
Augenblick ohne seinen Rambold sein konnte und ihn vermochte, ganz zu ihm zu
ziehen. Zuweilen besuchte indes Rambold noch seinen ehemaligen Zögling, und eben
an diesem Tage war er mit ihm spazierengeritten, um einen sehr schönen Sommertag
zu genießen.
    Als sie nach Hause kamen und Rambold gegen Abend nach dem Rittersitze des
Herrn von Haberwald zurückgekehrt war, beschäftigte sich Säugling den Rest des
Abends mit Sebaldus' Figur, die in sein weiches Herz einen tiefen Eindruck
gemacht hatte. Er ließ den andern Morgen ein Kariol anspannen und fuhr allein
nach dem Dorfe, wo Sebaldus wieder am Hecke zu finden war. Auf Verlangen
erzählte ihm der Alte seine vornehmsten Unglücksfälle. Säugling war zu gutmütig,
um einen solchen Mann länger in einem so traurigen Zustande schmachten zu sehen.
Er ließ ihn neben sich ins Kariol sitzen, fuhr mit ihm nach seines Vaters Dorfe
zurück, befahl ihn einem Pachter an, versorgte ihn mit reiner Wäsche und
Kleidern und mit nötigen Nahrungsmitteln.
    Beim Mittagstische erzählte er seinem Vater die Begebenheiten des
unglücklichen Alten und zugleich, dass er denselben bei dem Pachter untergebracht
habe. Ob die Befriedigung der kleinen Eitelkeit, seine gute Handlung auch andern
kundzutun, an dieser Erzählung mehr oder weniger Anteil könne gehabt haben als
die Begierde, seinen Vater zur ferneren Wohltätigkeit gegen Sebaldus zu
veranlassen, wird jeder Schreiber einer theologischen Moral, je nachdem die
Falschheit der menschlichen Tugenden mit seinem Lehrgebäude mehr oder weniger
verbunden ist, zu bejahen oder zu verneinen wissen. Genug, des alten Säuglings
Neugier ward erregt, und er begehrte den Sebaldus selbst zu sprechen.
 
                               Zweiter Abschnitt
Säugling der Vater war ein Mann, der weder große Tugenden noch große Laster
hatte. Sein natürliches Phlegma verließ ihn nur bloß in dem Falle, wenn er im
Handel einen sichern Gewinn vor sich sah. Daher hatte er vom ersten Anfange des
Krieges an viel mit Lieferungen für die Armeen zu tun, wodurch er einen Reichtum
erwarb, der selbst seine Erwartungen überstieg. Den Wert des Geldes kannte er
zwar so gut als jemand, doch war er eben nicht geizig, ob er gleich auch nichts
vom Verschwenden hielt. Sobald der Krieg zu Ende zu gehen schien und er die
Möglichkeit sah,
