 überhoben zu sein glaubte. Zwar wusste er
wohl, es sei noch erlaubt, dieselben in der Absicht ferner zu untersuchen, um
mehrere Beweisgründe dazu aufzufinden, hielt aber weislich für gut, dies zu
unterlassen, weil er gar nicht einsehen konnte, wozu noch mehrere Beweisgründe
nötig sein sollten. Denn es hatten ja alle Geistlichen einen schweren Eid
geleistet, sie zu lehren, und man wusste seit mehr als hundert Jahren in den
Marschländern kein Beispiel, dass ein Laie einen Zweifel darüber gehabt hätte;
überdies war in unvermutetem Falle leicht abzusehen, dass man einen solchen durch
Versagung der Absolution und Wegweisung vom Abendmahle genugsam würde im Zaume
halten können. Er hielt sich also im Gewissen verbunden, die Zweifel, die ihm,
obwohl sehr selten, aufstiessen, denen zur Verantwortung zu überlassen, von denen
er war vereidet worden. Da er also bloß zu lehren, nicht aber zu untersuchen
hatte, so konnte er sein Amt beinahe ganz mechanisch ausüben. Die Zeit, die ihm
davon übrigblieb, brachte er zur Motion mit Graben und Pflanzen in seinem
Pfarrgarten zu; er war nämlich ein großer Kenner und Liebhaber von allen raren
Nelkenarten und Tulpenzwiebeln und zog sie in großer Vollkommenheit. Eine
unverdächtige Beschäftigung, denn man will bemerkt haben, dass die Liebhaber
derselben weder in der Kirche noch in dem Staate Unruhen zu erregen pflegen. Er
hielt auch viel auf Federvieh, welches er täglich selbst zu füttern und seine
tolligen Hühner, eine nach der andern, beim Namen zu sich zu rufen pflegte.
Daneben hatte er noch einen schönen Taubenschlag, der ihm manche halbe Stunde
vertrieb. Bibelfest war er sehr und pflegte bei aller Gelegenheit Sprüche
anzuführen, welches ihm, wenn sich der Inhalt auch gar nicht zur Sache schickte,
sondern nur etwa ein Wort einen ähnlichen Klang hatte, nicht unerbaulich schien.
Sonst las er eben nicht in Büchern, und weil er meist aus dem Stegreife
predigte, so kam auch das Schreiben selten an ihn, außer dass er akkurate Listen
von allen bei ihm beichtenden Kommunikanten hielt und selbige wöchentlich
nachtrug. Diese hatte er in so guter Ordnung, dass mit einem Blicke zu übersehen
war, wer im letzten Vierteljahre nicht gebeichtet hatte. Ein solches Beichtkind
zeichnete er sich an, um bei demselben, sobald sich's tun ließ, einen Hausbesuch
abzustatten, wobei er dann gegen die Verächter der Beichte ein wenig zu eifern
pflegte, weil er wirklich auf diesen Glaubensartikel am strengsten hielt. Sonst
tat er niemand etwas Böses; und ob er gleich, wenn es sein Evangelium mit sich
brachte, auch von der Kanzel weidlich auf die Sünder zu schelten wusste, so war
er doch im gemeinen Leben ein ganz umgänglicher Mann, der, wenn sich jemand an
ihn wendete, gern mit Rat
