 ihr die Eifersucht eingab, sie wären an Marianen gerichtet oder
spielten auf sie an; und der Oberste, der sich nie im Ernste um Verse bekümmert
hatte, fand nicht nötig, wie vormals sich zu stellen, als ob sie ihm gefielen,
vielmehr pflegte er in seiner jetzigen üblen Laune sich oft geradezu darüber
aufzuhalten. Zum Unglücke für Säugling ward er darin zuweilen von der Gräfin
unterstützt, deren feiner Geschmack schon längst in Säuglings Liedern eine
gewisse Einförmigkeit und Schlaffheit wahrgenommen hatte, wofür ihm selbst der
Sinn fehlte. Da er nun unablässig fortfuhr, täglich neue Gedichte vorzulesen, so
nahm sich die Gräfin im Ernste vor, dem sonst unbescholtenen guten Jünglinge die
kleine Torheit des Versemachens abzugewöhnen.
    Als einst die Frau von Ehrenkolb Mittagsruhe hielt und die übrige
Gesellschaft im Garten spazierte, ergriff die Gräfin Säuglings Arm, führte ihn
in einen Gang besonders, und nachdem sie das Gespräch auf Lektur gebracht hatte,
sagte sie ihm geradeheraus: Gedichte wären nicht die Lektur, die sie am meisten
liebte.
    Säugling, nicht wenig beschämt und bestürzt, versetzte mit stammelnder
Stimme: »Ew. Gnaden scherzen vielleicht. Es schien mir doch sonst, als ob Sie
die schöne Literatur liebten.«
    Gräfin: O ja, ich liebe sie ungemein. Aber Sie wissen, sie hat einen weiten
Umfang, und die Poesie ist nur ein Teil davon. Diesen zu hassen, bin ich weit
entfernt. Ich liebe vielmehr Gedichte herzlich, aber nur, wenn sie vortrefflich
sind; sie wirken alsdann mit unbeschreiblichem Reize auf mich und bleiben meiner
Seele tief eingeprägt. Aber Sie wissen, der ganz vortrefflichen Gedichte sind
nur sehr wenige. Was die übrigen anbetrifft, so sind sie ganz gute Dingerchen,
die man allenfalls einmal anhören, aber auch entbehren kann; und mich dünkt
immer, die Augenlider sind einem leichter, wenn man sie entbehrt.
    Säugling: Vielleicht sprechen Ew. Gnaden nicht ganz im Ernste; die Damen
pflegen doch sonst, wenigstens glaube ich es so gefunden zu haben, unter aller
übrigen Lektur am meisten Gedichte zu lieben ...
    Gräfin: Glauben Sie das nicht, mein lieber Säugling; oft kaum, wenn wir
darin gelobt werden, finden wir sie erträglich. Unter uns gesagt, wir haben oft
herzliche Langeweile, wenn man sie uns vorlieset. Wir gähnen innerlich und
trauen uns nicht, den Mund aufzutun.
    Säugling: Ach, ich merke schon, hier ist ein kleines Missverständnis. Sie
wollen sagen:
Die großen Verse, welche man
Auf einem großen Amboss schmiedet,
Die lies't man nicht, man wird ermüdet;
Ihr Donner störet unsre Ruh.
So großer Lärm, wozu? wozu?
Allein die kleinen niedlichen Verse:
Die kleinen Dingerchen, die sich
Gefällig zu Gedanken
