 Hohenauf noch nicht für gut, der Frau von
Ehrenkolb ihre Absichten zu entdecken. Ihren Neffen aber ließ sie kurz vor der
Abreise ihren Willen vernehmen, der dazu nicht nein sagen durfte, aber auch
nicht ja sagte. Ein schönes Fräulein, und das seine Gedichte liebte, war zwar
eine sehr verführerische Anlockung, allein das Andenken an seine Mariane
verstattete es ihm noch nicht, in völligem Ernste an eine andere Verbindung zu
denken.
    Sie reisten nunmehr sämtlich nach dem Landsitze der Frau von Ehrenkolb.
Hier ging Säuglings Umgang mit dem Fräulein anfänglich auf die ehemalige Art
fort, bis nach einigen Tagen die Ankunft eines jungen Obersten, den das Fräulein
vorigen Winter bei Hofe hatte kennenlernen, den Sachen ein etwas anderes Ansehen
gab. Er war dreiundzwanzig Jahre alt, wohlgebildet, plapperte im Tone der großen
Welt, trug eine glänzende Uniform und eine reiche Schulterschleife, fuhr mit
sechsen, hielt einen Läufer und vier Lakaien: alles Dinge, die ihm bei einem
jungen Fräulein nach der Welt einen großen Vorzug vor dem armen Säugling zuwege
bringen mussten, denn dieser hatte außer seiner kleinen netten, geschniegelten
Person, einem geringen Anfange von Weltmanieren und vielen Gedichten dem
Obersten nichts entgegenzusetzen. Er stellte also von dem Augenblicke an, da
jener erschien, nur die zweite Person vor. Glücklicherweise ward er dieses nicht
einmal gewahr; denn das Fräulein verstand nicht allein die Kunst sehr wohl, sich
mit mehr als einem Anbeter zu unterhalten, sondern der Oberste, ein feiner
Weltmann, der alle Dinge so zu nehmen wusste, wie sie waren, wollte auch nicht
umsonst mit einem ihm so neuen Geschöpfe wie ein deutscher Poet vierzehn Tage
lang in Gesellschaft gewesen sein. Er hatte sich schon seit einiger Zeit in der
am Hofe so nützlichen Kunst geübt, sich anzustellen, als ob er jedes Ding
verstehe oder daran Anteil nehme, was er etwa zu verstehen oder woran er Anteil
zu nehmen scheinen wollte. Diese von vielen Hofleuten für ein großes politisches
Geheimnis geachtete Kunst besteht im Grunde bloß in einigen Gebärden und kahlen
Gemeinsprüchen, welche, wie in manchen Ländern geringhaltige Münze, in der
großen Welt für vollgültig angenommen werden. Die Hofschranzen sehen zuletzt
diese Grimasse für etwas Wirkliches an und bilden sich ein, sie verständen viel
und nähmen an vielen Dingen Anteil, merken aber nicht, dass sie gemeiniglich von
denen durch und durch gesehen werden, welche sie am meisten getäuscht zu haben
glauben.
    Vermittelst dieser falschberühmten Kunst stellte sich der Oberste, als ob er
von Gedichten entzückt würde, woran ihm eigentlich nichts gelegen war und wovon
er weder etwas verstand noch empfand. Säugling war sehr zufrieden, da er eben
nicht weit sah und besonders gern glaubte, man müsse es aufrichtig meinen, wenn
man seine Gedichte lobte. Der Oberste war
